Mit Praktika ist es ein bisschen so wie mit Schokolade: An sich sind sie eine tolle Sache, doch zu viel davon kann einem durchaus nicht gut bekommen. Wer will sich schließlich schon mit dem Stempel „ewiger Praktikant“ durch den Arbeitsmarkt schlängeln? Für viele Schüler und Studenten stellt sich deshalb die Frage: Wie viele Praktika sind wirklich sinnvoll?

Generation Praktikum? Das war einmal

Anfang der 2000er war es, da kam der Begriff „Generation Praktikum“ auf. Schnell zum geflügelten Wort geworden, titulierte man mit dem Ausdruck bald eine ganze Generation von Studenten bzw. Absolventen, die sich nach ihrem erfolgreichen Universitätsabschluss von Praktikum zu Praktikum hangelten. Eigentlich mit dem Ziel, eine Festanstellung zu finden, nahmen sie zur Überbrückung reihenweise schlecht oder nicht bezahlte Praktikumsstellen an; nicht zuletzt auch, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Viele Unternehmen nutzten diese Situation aus und ließen die Praktikanten vollwertige Arbeitsabläufe erledigen, für wenig oder gar keine Entlohnung.


Die Situation heute

Diese Zeit lässt sich allerdings nicht mit der heutigen Situation vergleichen. Zwei Faktoren haben sich zwischenzeitlich grundlegend geändert:

  • Die heutige Arbeitsmarktsituation unterscheidet sich grundlegend von der damaligen. So lag die durchschnittliche Arbeitslosenzahl im Jahr 2005 in ganz Deutschland bei knapp 4.900.000. Im Jahr 2019 hingegen belief sich diese auf knapp 2.300.000 Arbeitslose (Quelle: sozialpolitik-aktuell.de). Die Arbeitsmarktlage ist also für Bewerber aktuell viel entspannter.
  • In fast allen Studiengängen sind mittlerweile Pflichtpraktika im Rahmen von Praxissemestern an der Tagesordnung. Früher waren vor allem die universitären Studiengänge rein theoretisch ausgerichtet. Wer Praxiserfahrung sammeln wollte, musste dies im Rahmen selbst organisierter Praktika freiwillig tun. Heute ist das anders: Mit einem Universitäts- oder Hochschulabschluss in der Tasche hat man in der Regel auch schon einige Pflichtpraktika absolviert und dadurch ein wenig Berufserfahrung mitnehmen können.

Zum einen können Absolventen heute also oftmals schneller Fuß im echten Arbeitsleben fassen, und zwar durchaus direkt im Rahmen einer gut bezahlten Festanstellung. Zum anderen bringen sie durch die Pflichtpraktika während des Studiums meist bereits etwas praktische Erfahrung mit. 

Praktikanten in Tischlerei
Bildquelle: www.istockphoto.com / Monoliza21

Pflichtpraktikum oder freiwilliges Praktikum

Planst du ein Praktikum, musst du generell unterscheiden zwischen einem Pflichtpraktikum und einem freiwilligen Praktikum. Pflichtpraktika sind Teil deiner Ausbildung bzw. deines Studiums und damit zwingend vorgeschrieben. Um sie kommst du also gar nicht herum. Das heißt umgekehrt auch: Was Pflichtpraktika betrifft, stellt sich die Frage „Wie viele Praktika machen Sinn?“ gar nicht. Denn alle, die vorgeschrieben sind, musst du sowieso absolvieren.

Die Frage ist vielmehr, ob du überhaupt bzw. zusätzlich ein freiwilliges Praktikum machen willst oder sollst. Ein Praktikum macht grundsätzlich Sinn, wenn du…

  • einen bestimmten Beruf kennen lernen und für dich austesten willst, ob dieser für dich später interessant sein könnte.
  • in deinem Fachgebiet einen bestimmten Bereich entdecken möchtest, in dem du bislang noch wenig oder keine Erfahrung hast. 
  • Einblick in eine spezielle Branche erhalten möchtest.
  • ein bestimmtes Unternehmen kennen lernen bzw. dort einen Fuß in die Tür bekommen willst. Vielleicht bietet sich im Anschluss an dein Praktikum dort die Möglichkeit, in Festanstellung zu arbeiten.
  • im Ausland Erfahrung sammeln willst. Im Rahmen eines Auslandspraktikums kannst du in einem Land deiner Wahl Einblick in die Arbeitswelt erhalten und deine Fremdsprachenkenntnisse verbessern.

Was verdient man als Praktikant?

Gerade wenn du darüber nachdenkst, noch ein Praktikum zu absolvieren, bevor du dir einen festen Job suchst, spielt natürlich das Gehalt eine große Rolle für dich. Denn je nachdem, wie deine Tätigkeit entlohnt wird, kannst du entweder davon deinen Lebensunterhalt bestreiten oder aber du musst dir Gedanken über alternative Einnahmequellen während der Dauer des Praktikums machen. Eines vorweg: Leider reicht die Vergütung oft nicht aus, um in einer deutschen Großstadt davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 


Mindestlohn: Nicht für alle

Seit der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland haben auch Praktikanten einen Anspruch auf diese Vergütung. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Praktikant mindestens 18 Jahre alt ist und es sich um ein freiwillig absolviertes Praktikum handelt, das länger als drei Monate dauert. Dann muss mit Mindestlohn oder mehr vergütet werden. Ist das Praktikum auf eine Zeit von weniger als drei Monaten ausgelegt, muss dir dein Arbeitgeber allerdings keinen Lohn zahlen.

Seit Januar 2020 gilt in Deutschland der neue Mindestlohn von 9,35 €/Stunde brutto.

Aber aufgepasst: Pflichtpraktika, die im Rahmen eines Studiums, einer Ausbildung oder einer beruflichen Einstiegsqualifizierung gemacht werden, sind von dieser Regelung ausgenommen. Hier hast du keinen Anspruch auf Mindestlohn. Auch für Praktikanten unter 18 Jahren ohne Berufsabschluss gilt: Sie haben kein Recht auf Vergütung.


Verdienst bleibt Problemzone

Der „FutureTalentsReport“ des Unternehmens Clevis, früher schlicht „Praktikantenspiegel“, nennt bereits seit Jahren die immer drei gleichen Themenkomplexe, bei denen die Praktikanten erhebliches Optimierungspotenzial von Seiten der Arbeitgeber sehen. Das sind:

  • Vergütung der Arbeit,
  • Aufgabengestaltung und
  • Lernpotenzial.

Das heißt: Die Praktikanten wünschen sich, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet, dass sie spannende Einblicke erhalten mit der Möglichkeit, viel zu lernen, und dass sie fair entlohnt werden. 

Praktikantin in Büro
Bildquelle: www.istockphoto.com / KatarzynaBialasiewicz

Was bringt ein Praktikum?

Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Im Idealfall erfüllt ein Praktikum genau die Erwartungen, mit denen du in das Arbeitsverhältnis gegangen bist. Im FutureTalentsReport 2019 gaben 90 % der befragten Praktikanten und Werkstudenten an, sie würden sich noch einmal bei ihrem jetzigen Arbeitgeber bewerben. Das spricht für eine sehr hohe Zufriedenheit und lässt erkennen, dass das Prinzip Praktikum durchaus funktioniert.

Gerade für Berufseinsteiger bietet ein Praktikum die Möglichkeit, in zeitlich begrenztem Rahmen ohne zu viel Verantwortung in einen Bereich hineinzuschnuppern. Auf der anderen Seite kannst du bereits wertvolle Kontakte in der Arbeitswelt knüpfen. Du solltest deshalb nie unüberlegt in ein Praktikum gehen und dir vorab gut überlegen, ob dich diese Branche tatsächlich interessiert. Andernfalls ist das Praktikum schlicht vergeudete Zeit.

Generell gilt: Eine zu große Anzahl an Praktika in deinem Lebenslauf lässt so manchen Personaler stutzig werden. Kann sich der Bewerber nicht gut festlegen? Weiß er nicht, wo seine Interessen liegen? Ist er jemand, der sich nicht durchbeißen kann und dem nichts gefällt? Mit solchen gedanklichen Unterstellungen musst du bei deinem HR-Gegenüber rechnen, wenn du ihm eine Bewerbung mit acht verschiedenen Praktika oder mehr vorlegst. Deswegen überlege dir vorab immer gut, wie du für dich persönlich begründen kannst, warum du jetzt noch ein Praktikum in der Firma XY machen willst, anstatt dir eine Festanstellung zu suchen.

Ein anderer Fall ist natürlich, wenn du in deinem Bereich partout keine Arbeit findest. Dann stellt es für viele die einzige Möglichkeit dar, mit schlecht bezahlten Praktika in der gewählten Branche zu überdauern. Doch auch hier solltest du dich spätestens nach Praktikum Nummer 3 ehrlich fragen, ob es nicht vielleicht Sinn macht, deine Berufswahl noch einmal gänzlich neu zu überdenken.


Fazit

Frage dich immer selbst: Warum willst du dieses Praktikum machen? Welchen Nutzen erhoffst du dir davon, und wie kann sich dieser auf deinen weiteren beruflichen Werdegang auswirken? Kannst du diese Fragen für dich schlüssig beantworten, spricht eigentlich nichts gegen ein Praktikum. Wichtig ist, dass du vorher die wichtigen Eckdaten gegencheckst: Stimmen Vergütung, Aufgabenbereich und deine Lernkurve? Drei bis vier Praktika im Lebenslauf toleriert sicher jeder Personaler, doch wenn es mehr werden, musst du schon gute Begründungen auf Lager haben, warum du so lange als Praktikant auf dem Arbeitsmarkt unterwegs bist.

Quellen:
bmas.de, sozialpolitik-aktuell.de, clevis.de


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