Die Kirchenorgel muss vor Weihnachten gestimmt werden? Ein Restaurator soll sich um ein mehrere Jahrhunderte altes Instrument kümmern? Anders als der Name sagt, ist ein Angehöriger dieses Berufs, der überwiegend von Männern ergriffen wird, nicht nur für den Orgelneubau zuständig: Auch für die Reparatur, die Restauration sowie das Stimmen der Instrumente ist er verantwortlich, wenn auch unterschiedliche Möglichkeiten der Spezialisierung bestehen.

Ein guter Orgel- und Harmoniumbauer – so hieß dieser Beruf offiziell bis zum 1.8.2019 – hat es nicht nur drauf, sich um die Verkabelung moderner Instrumente zu kümmern, sondern kennt sich zudem mit mittelalterlichen Musikinstrumenten aus. Die neue Berufsbezeichnung Orgelbauer begründet sich auf der Tatsache, dass das Harmonium in diesem Beruf mittlerweile eine unbedeutende Rolle spielt.

Deutschland ist in Sachen Orgelbaukunst bekannt für sein erstklassiges Handwerk, weshalb die Instrumente international gefragt sind. Dennoch gibt es in Deutschland nur ungefähr 200 Orgelbauwerkstätten. Kurz zur Geschichte: Erfunden wurde das Instrument 300 Jahre v. Chr. von einem Griechen. Unter dem Kaiser Nero wurde die Orgel in Rom eingeführt und diente als Statussymbol. Im Westen wurde sie im Jahr 757 durch ein Geschenk bekannt.

Was steht auf dem Lehrplan der Ausbildung?

Bei der Ausbildung zum Orgelbauer handelt es sich um eine duale Berufsausbildung, die 3,5 Jahre dauert. Man hat die Möglichkeit, zwischen Orgelbau und Pfeifenbau zu wählen, wobei das Letztere nur noch sehr selten angeboten wird. Nicht nur über die Geschichte des Musikinstrumentenbaus lernt man etwas und erhält eine praktische Ausbildung im Umgang mit den Werkzeugen und Werkstoffen: Auch der Entwurf sowie die Interpretation von Konstruktionsplänen werden gelehrt, da solche beim Bauen eines Instruments streng befolgt werden müssen. Zudem stehen kaufmännische Inhalte auf dem Lehrplan.

Welche Voraussetzungen sind erforderlich, um Orgelbauer werden zu können?

  • Natürlich muss ein Ausübender des Orgelbaus das Instrument nicht spielen können, doch er sollte ein gutes Gehör besitzen.
  • Man sollte handwerkliches Geschick und ein entsprechendes Interesse aufweisen.
  • Es wird kein bestimmter Schulabschluss verlangt. Am liebsten werden jedoch Schulabgänger mit Abitur eingestellt.
  • Außerdem ist körperliche Belastbarkeit vonnöten, da man im Rahmen des Orgelbaus einzelne Instrumententeile tragen muss.
  • Handwerkliche Präzision ist in diesem Beruf von großer Bedeutung, da sich Einzelteile später auch zusammenbauen lassen müssen und da schon kleine Fehler den Klang einer Orgel merklich verändern können.
  • Zudem muss die Bereitschaft bestehen, mehrere Wochen unterwegs zu sein: Bereits die Berufsausbildung bedeutet für die meisten Lehrlinge eine mehrwöchentliche Abwesenheit vom Wohnort, da der Unterricht derzeit bundeseinheitlich in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) stattfindet. Zum späteren Berufsleben gehören Auslandseinsätze sowie das Arbeiten an weit entfernten Orten, etwa zur Restauration von Instrumenten in Kirchen, Konzertsälen oder Hochschulen.
  • Du wirst die Ausbildung gut meistern können, wenn du in den Fächern Musik, Mathe und Physik gute Noten hast.
  • Außerdem sollte man als Orgelbauer einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik besitzen, da Musikinstrumente teilweise verziert werden müssen.
  • In manchen Situationen des Berufslebens kann es erforderlich sein, schwindelfrei zu sein, da in luftigen Höhen gearbeitet werden muss.
  • Wer neben den genannten Punkten auch noch religiös ist, bringt die besten Voraussetzungen mit, um später als Orgelbauer in den Freundeskreis einer Kirchengemeinde aufgenommen zu werden.
Ein Orgelbauer sieht viele schöne Instrumente.
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Mit welchen Materialien und Werkzeugen hat ein Orgelbauer zu tun?

In ihrem Alltag hantieren Angehörige dieses Berufs mit Holz, Metall, Kunststoff und Leder. Spätestens in der Ausbildung wird der Umgang mit Hammer, Säge, Fräs-, Schleif- und Hobelmaschine erlernt. Bevor du diesen Beruf ergreifst, solltest du unbedingt ausprobieren, ob dir eine solche Art des Handwerkens liegt.

Bei welchen Firmen findet man eine Anstellung oder einen Ausbildungsplatz?

Arbeitgeber können Orgel- und Harmoniumbauer wie etwa ein deutscher Orgelbaumeister sein oder auch Hersteller von Einzelteilen. Auch in spezialisierten Restaurationswerkstätten kann man einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden.

Aufstiegs- und Spezialisierungsmöglichkeiten

  • Man kann sich im Orgelbau auch spezialisieren, indem man beispielsweise Intonateur wird. Bei diesem Berufsbild steht das Stimmen der Instrumente im Vordergrund. Wer eine solche Spezialisierung wählt, muss das Instrument auch spielen können.
  • Weitere mögliche Schwerpunkte sind der Entwurf von Instrumenten, die Restaurierung, die Wartung oder die Weiterbildung zum Techniker für Holztechnik.
  • Eine sinnvolle Weiterbildung, die gute Aufstiegschancen verspricht, ist das Ablegen der Meisterprüfung (Orgel- und Harmoniumbauermeister).
  • Wer über die Hochschulreife verfügt, kann an die Ausbildung auch ein Studium des Musikinstrumentenbaus dranhängen. Den sehr Theorieaffinen unter euch kann ein Studium der Musikwissenschaft empfohlen werden.
  • Sieht man in einem Betrieb keine Aufstiegsmöglichkeiten und findet auch keine sinnvolle Alternative, kann man sich mit der eigenen Werkstätte selbständig machen.

Wieviel verdient man während der Ausbildung und danach?

Nach Angaben der Arbeitsagentur gestaltet sich die Vergütung wie folgt:

1. Ausbildungsjahr: € 490 bis € 640

2. Ausbildungsjahr: € 530 bis € 730

3. Ausbildungsjahr: € 625 bis € 860

4. Ausbildungsjahr: € 850 bis € 875

Nach Abschluss der Berufsausbildung kann man mit einem Brutto-Einstiegsgehalt in Höhe von 2595 bis 2803 € rechnen.

Kurz-Check – ist das ein Beruf für dich?

  • Du bist von Orgeln und der mit ihnen erzeugten Musik, aber auch von historischen Zusammenhängen fasziniert und würdest gern mit deinen eigenen Händen Orgeln bauen, reparieren, restaurieren, pflegen und reinigen?
  • Du wirst immer für deine handwerklichen Fähigkeiten, deine Präzision und auch deine Geduld gelobt?
  • Bist du dazu bereit, dich auf immer wieder andere Orgel-Unikate einzulassen und lange Zeit an ihnen herumzutüfteln?
  • Willst du viel von der Welt sehen und bist gern unterwegs? Du hältst dich gern in (häufig unterkühlten) Kirchen und Konzertsälen auf?

Weitere wissenswerte Fakten zum Beruf und der Königin der Instrumente

  • Der Bund Deutscher Orgelbaumeister ist der Verband der Orgelbauer in Deutschland.
  • Der bekannteste deutsche Orgelbauer war Gottfried Silbermann (Barockzeit).
  • Ist bei einer alten Orgel keine Restaurierung mehr möglich, wird in der Regel eine Rekonstruktion vorgenommen.
  • Es handelt sich um das größte und gleichzeitig komplexeste Musikinstrument.
  • Mozart nannte sie die „Königin der Instrumente“.
  • Das größte spielbare Modell der Welt steht in Philadelphia im Macy’s Store.
  • Die älteste Orgel, auf der man nach wie vor spielen kann, wurde entweder 1425 bzw. in den sechs folgenden Jahren gebaut und befindet sich in der St. Andreaskirche in Ostönnen.
  • Eine Serienproduktion dieses Instrumententyps findet nur bei den kleinen Orgeln statt, die transportiert werden können.
  • Die Herstellung eines Unikats (Anmerkung: Bei so gut wie allen Orgeln handelt es sich um Unikate) kann mehrere Jahre dauern.
  • Laut Angabe von die-orgelseite.de arbeiten in Deutschland ca. 2500 Personen im Orgelbau.

Trends im Orgelbau

  • Während der Orgelneubau früher zu den zentralen Aufgaben eines Orgelbauers zählte, werden neue Instrumente aufgrund von Sparmaßnahmen immer seltener bestellt. Aufgrund der besseren Isolierung der Kirchen nehmen Schimmelpilze in Orgeln zu, weshalb die Schimmelpilzbeseitigung eine der neuen Aufgaben im Orgelbau ist.
  • Das Renommee des Instruments und seinen Handwerkern steigt: 2014 wurden Orgelbau und -musik von der UNESCO in das „Deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen, 2017 erfolgte die Erklärung zum immateriellen Weltkulturerbe.
  • Die Art der Auftraggeber hat sich verändert: Während Orgelbaumeister und -gesellen über Generationen hinweg vor allem von Kirchen beauftragt wurden, stammen die Gelder mittlerweile häufiger von Privatsponsoren.
  • Der Grund dafür, dass immer weniger Lehrlinge ausgebildet werden können, ist laut Meinung von Experten in der Abschaffung der Meisterpflicht zu suchen.
  • Aus Brandschutzgründen müssen viele ältere Modelle erneuert werden.
  • Bei modernen Kompositionen spielt die Kompatibilität einer Orgel mit Geräten wie Smartphones nicht selten eine Rolle.

Orgelbauer – ein Beruf mit Zukunft?

Laut aktuellem Stand wollen derzeit mehr Personen Orgelbauer werden, als es Stellen gibt, weshalb die Ausbildungsbetriebe die Möglichkeit haben, sich für die Personen mit den höchsten und besten Schulabschlüssen sowie der größten Begeisterung für Orgeln zu entscheiden: So wird etwa bei manchen Stellenanzeigen, in denen Auszubildende zum Orgelbauer gesucht werden, die Musikalität als die Voraussetzung Nummer 1 genannt. Viele Betriebe stellen jedoch gar keine Mitarbeiter ein und bleiben Ein-Mann-Unternehmen.

Aufgrund der Orgeldenkmalpflege wird auch weiterhin ein Bedarf im Orgelbau bestehen. Als Konsequenz der kontinuierlichen Abnahme der Kirchenmitglieder, welche zum einen auf die vermehrten Kirchenaustritte und zum anderen auf die Altersstruktur der Kirchenmitglieder zurückzuführen ist, schwinden die finanziellen Ressourcen der größten Auftraggeber. Foerdermarkt.de berichtet, es würden immer weniger neue Orgeln in Auftrag gegeben.

Andererseits steigt das Interesse der Bevölkerung an Orgelmusik – wenn auch keine religiösen Gründe dahinter stecken mögen, was sich auf die Perspektive der Orgelbauer positiv auswirkt.

Wir raten dir zu Folgendem: Ergreife diesen Beruf nur dann, wenn du dir sicher bist, dass du dafür geschaffen bist und wenn es sich um deinen absoluten Traumjob handelt.

Doch mit einer einfachen Ausbildung ist es nicht getan: Wer in der späteren Berufsausübung mithalten will, muss sich weiterbilden, da sich im Orgelbau immer wieder technische Neuerungen ergeben. Das bedeutet lebenslanges Lernen für den Orgelbauer.

Insgesamt betrachtet ist und bleibt der Orgelbau ein Metier für Menschen, die den Beruf aus Leidenschaft ausüben, da die Bezahlung in einem Missverhältnis zu den geforderten Fähigkeiten steht.

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