Die Menschen werden nichts daraus lernen. Diesen Satz bekomme ich meistens als Antwort, wenn ich die Frage stelle, ob wir wohl nach Corona gewisse Dinge wieder mehr zu schätzen wissen. Am Anfang vielleicht, ja, heißt es. Aber der Alltag wird sich ziemlich schnell wieder einstellen. Kann das sein? Wird sich die Rückkehr zur Normalität so einfach gestalten? Wird die Krise keine bleibenden Spuren in unserer Psyche hinterlassen? Ich persönlich glaube das nicht. Sie wird sowohl negative als auch positive Effekte auf unsere generelle Lebenseinstellung haben.

Social Distancing. Wir distanzieren uns und rücken dennoch enger zusammen. Wir verstecken uns hinter Masken, halten Abstand zu den Menschen in der U-Bahn und unsere Arbeitskollegen sehen wir höchstens noch über Skype. Vor fremden Menschen laufen wir auf der Straße davon, als wären sie Aussätzige. Mit unseren Liebsten jedoch telefonieren wir so viel wie noch nie. Wir ziehen kleine Kreise, schränken unsere Kontakte ein, reduzieren sie auf die wichtigsten Personen in unserem Leben. Vertrauen uns Dinge an, über die wir zuvor nie gesprochen haben. Weil wir Zeit dafür haben. Weil wir den Austausch brauchen. Weil wir Nähe und Intimität gerade nur über Worte aufbauen können.

Wir bleiben zuhause. Dekorieren um, renovieren, entrümpeln. Bauen uns unser Nest. Verlieben uns neu in häusliche Tätigkeiten. Wir backen, kochen, reparieren. Eltern setzen sich wieder mehr mit ihren Kindern auseinander und auch wenn das Jonglieren von Home-Office und Kinderbetreuung einige verständlicherweise an ihre Grenzen bringt, so sieht man doch so viele Eltern mit ihren Kindern im Park spielen, wie nie zuvor. Sie sehen glücklich aus. Die Kinder. Die Eltern in diesen Momenten meistens auch.

Aber das ist ja nur der Ausnahmezustand. Sobald die Coronakrise vorbei ist, hängen die Kids wieder vor der Playstation und wir wieder an unseren Handys. Freundschaften werden eher über Social Media und Likes gepflegt, als mit einem langen, vertrauten Telefonat. Oder?

Eine neue Welt. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind es im Moment ganz einfach nicht mehr. Keine Geburtstagsfeiern, keine Volksfeste und vermutlich auch kein großer Sommerurlaub am Meer. Die Sehnsucht wächst. Und so schön und wertvoll die gemeinsame Familien- oder Pärchenzeit auch ist, brauchen wir dennoch auch wieder einen Ausgleich. Kinder wollen zurück in die Schule, um dort ihre Freunde zu sehen und etwas zu lernen. Erwachsene möchten zurück auf die Arbeit, um sich wieder nützlich zu fühlen. Gemeinsam in einem Raum an Projekten arbeiten. Nach dem Feierabend mit den Kollegen ein Bier trinken gehen. Wir werden diese Freiheiten wieder mehr zu schätzen wissen. Ganz sicher. Oder?

Alte Gewohnheiten. Ja, vielleicht holt uns der Alltag schnell wieder ein, sobald alles vorbei ist. Vielleicht werden wir bald wieder undankbar sein und alles für selbstverständlich nehmen. Aber so wie vorher wird die Welt nie wieder sein. Vieles wird sich verändern. Auch wir. Und selbst wenn wir eventuell bald wieder in den alten Trott verfallen, so bleiben vielleicht auch ein paar Relikte aus der Coronazeit bestehen, die unser Leben nachhaltig verändern. Die neu gewonnene freundschaftliche Intimität. Die engere Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Das nun gemütliche und aufgeräumte zuhause. Und eine kleine Stimme im Hinterkopf, die uns in bestimmten Situationen plötzlich leise zuflüstert: Weißt du noch damals, als das hier aufgrund einer weltweiten Pandemie nicht möglich war?


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