Als Anfang des Jahres Home-Office für viele plötzlich vorübergehend zum neuen Standard wurde, war dies für einige Arbeitnehmer das erste Mal, dass sie von zuhause aus arbeiten durften. Eine völlig neue Erfahrung und auch für zahlreiche Unternehmen eine große Umstellung. Dabei ist die Heimarbeit an sich eigentlich nichts Neues. Tatsächlich ist sie sogar älter, als die Arbeit in industriellen Großbetrieben und kann bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Doch die damalige Heimarbeit lässt sich keinesfalls mit unserem heutigen, modernen Home-Office vergleichen.

Heimarbeit im Mittelalter

Vor der Industrialisierung war eine Trennung von Familie und Arbeit für gewöhnlich nicht üblich. Man lebte mit seiner Familie dort, wo man arbeitete. So gab es Heimarbeit bereits im Mittelalter, war damals allerdings eher den Frauen vorbehalten, da für diese teilweise ein Arbeitsverbot galt und ihnen die häusliche Rolle zugeschrieben war. Mit Heimarbeit war eine handwerkliche Tätigkeit mit Produktionsmitteln eines Auftraggebers gemeint. Zuhause durften die Frauen und ihre Töchter für diesen spinnen, nähen und weben und somit etwas Geld für die Familie dazuverdienen. Die Arbeit war jedoch hart und sehr schlecht bezahlt.

Definition der Heimarbeit:

Heimarbeiter ist, wer in seiner Wohnung oder selbstgewählter Arbeits- oder Betriebsstätte allein oder mit seinen Familienangehörigen im Auftrag eines Gewerbetreibenden arbeitet und die Arbeitsergebnisse dem Auftraggeber überlässt.

(Heimarbeitsgesetz HAG)

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten?

Im Mittelalter hatte die Arbeit an sich generell einen völlig anderen Stellenwert als heute. Sie galt als notwendiges Übel und die Menschen arbeiteten lediglich, um sich und ihre Familie ernähren zu können. Materieller Wohlstand war nicht erstrebenswert, galt sogar als sündhaft. Den Menschen war es wichtiger, zu feiern und das Leben zu genießen. Selbstverwirklichung und Erfolg spielten keine große Rolle. Dass die Menschen im Mittelalter sehr feierfreudig waren, sieht man unter anderem auch daran, dass es damals etwa 100 Feiertage im Jahr gab.

Die Arbeitseinstellung der Menschen änderte sich jedoch radikal, als Martin Luther im 16. Jahrhundert die Arbeit zur Berufung erklärte. Faulheit wurde plötzlich zur Sünde, denn der Mensch sei geboren, um zu arbeiten und so seinem Gott zu dienen. Finanzieller Wohlstand war nicht mehr verpönt, sondern erstrebenswert, denn wer es selbstständig zu Reichtum schaffte, war ein erfolgreicher Mensch. Seine gute finanzielle Situation öffentlich zu demonstrieren, blieb jedoch weiterhin tabu.

Arbeit im Mittelalter
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Die Industrialisierung und ihre Folgen

Als Mitte des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung im Zuge der Industrialisierung explodierte und das Maschinenzeitalter anbrach, verloren viele Familien ohne Land ihre Existenzgrundlage. Menschen, die früher selbstständige Arbeit, beispielsweise als Tischler oder Schuhmacher verrichtet hatten, mussten nun Arbeitsplätze in den neuen Fabriken suchen. Der Arbeitsort änderte sich und ehemalige Bauern wurden nun zu Arbeitern. Die Welt fing an, sich immer schneller zu drehen, was überwiegend auch an der Erfindung der Eisenbahn und der Dampfmaschinen lag. Durch die technischen Fortschritte verdreifachte sich die Produktion und die Fabriken boomten.

Auch die Heimarbeit weitete sich nun auf ganze Familien aus, da die Verleger in Heimarbeit produzierte Produkte, wie beispielsweise Seidenbänder, Ketten und Spielzeug, in die ganze Welt vertrieben. Viele Familien wurden zudem von Baumwollfabriken beschäftigt, die Textilbranche wurde zum zentralen Heimarbeitsgewerbe. Um 1900 arbeiteten in der Bekleidungsindustrie in Deutschland mehr als 200.000 Heimarbeiterinnen, welche sich die für diese Arbeit benötigte Nähmaschine selbst zu einem hohen Preis anschaffen mussten. Die Heimarbeiter arbeiteten nun oft deutlich mehr als früher und die Wohnungen füllten sich mit Staub, welcher die Wohnsituation ungemütlich und zudem gesundheitsgefährdend machte. Oft wohnten bis zu zehn Leute in einem einzigen Raum, welcher ihnen nicht nur als Arbeitsraum, sondern gleichzeitig auch als Wohn- und Schlafzimmer dienen musste.

Mit der Zeit wurden die Löhne der Arbeiter in den Fabriken immer schlechter, um die Mitarbeiter dazu zu motivieren, noch mehr und härter zu arbeiten. Dies war die Geburtsstunde des Kapitalismus. Durch den Widerstand der Arbeiter entstand die Arbeiterbewegung, doch es dauerte lange, bis sich die Arbeitsbedingungen verbesserten. Auch die Heimarbeiter streikten und forderten eine Einrichtung von Betriebswerkstätten und eine Anerkennung von Tariflöhnen. 

Heimarbeit in der Nazizeit und in der DDR

Während der Nazizeit wurde die Heimarbeit dann als Volksgemeinschaftsanstrengung propagiert. So sollten Familien stolz darauf sein, zuhause Stahlhelmteile oder Zündkerzen für den Krieg anzufertigen. Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft folgte dann in den 50er Jahren im Westen Deutschlands ein großes Wirtschaftswunder. Die Leute wurden wohlhabender und Heimarbeit schien langsam sinnlos zu werden. Jedoch blieb es im Westen weiterhin bei der traditionellen Rollenverteilung: Der Mann ging arbeiten, die Frau blieb zuhause bei den Kindern.

In der DDR wurde dann das „Recht auf Arbeit“ in der Verfassung verbürgt, woraufhin auch Frauen selbstverständlich zur Arbeit gingen. Durch die wachsende Anzahl an Arbeitslosen durch Ölkrisen und die Globalisierung wurde die Arbeit wieder zu einem Teil der Selbstverwirklichung und die Menschen waren bereit, viel Zeit und Leidenschaft in ihren Job zu investieren. Die Heimarbeit im altmodischen Sinne verschwand fast gänzlich, dafür etablierte sich durch die Digitalisierung langsam unser heutiges Home-Office.

Home Office in der Zukunft
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Home-Office: Die Zukunft der Arbeit?

Während Heimarbeit mit schlechter Bezahlung und geringer Qualifizierung assoziiert wird, ist beim Home-Office genau das Gegenteil der Fall. Heute kann durch moderne Technik insbesondere hochqualifizierte Arbeit von zuhause aus erledigt werden. In vielen Branchen war Home-Office deshalb bereits vor der Corona-Pandemie üblich und für einige Arbeitnehmer ein wichtiges Kriterium in der Stellenausschreibung. Die sogenannte New-Work-Bewegung setzte sich schon vor der Krise dafür ein, sowohl Arbeitsort als auch Arbeitszeit flexibler zu gestalten. Denn immerhin bietet die Arbeit von zuhause viele Vorteile, insbesondere dann, wenn man Familie hat und nicht ständig von dieser getrennt sein möchte.

Doch auch in Firmen, in denen Home-Office vorher nicht gerne gesehen war, ist die moderne Arbeitsform nun zwangsweise angekommen. Denn tatsächlich war der Anteil der Arbeitnehmer in Deutschland, die zeitweise im Home-Office arbeiten durften, vor der Pandemie noch relativ gering. Viele Unternehmen haben nun durch die Corona-Krise jedoch bemerkt, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen können und diese ihre Arbeit nicht nur genauso gewissenhaft, sondern teilweise sogar deutlich produktiver von zuhause aus verrichten.

Dennoch bietet diese Umstellung einige Herausforderungen, sowohl auf Arbeitgeber-, als auch auf Arbeitnehmerseite. Themen wie beispielsweise Teamkommunikation und Zeiterfassung müssen gut durchdacht werden. Doch nach der Bewältigung dieser Herausforderungen sind die Vorteile des Home-Office unbestreitbar, und zwar beidseitig. Weniger Ablenkung, kein Stau, mehr Flexibilität und eine bessere Work-Life-Balance sind nur einige davon.

Gemütlich im Home Office
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Auch die Kostenersparnis für den Arbeitgeber ist nicht zu verachten. Denn wenn die Mitarbeiter auch zukünftig regelmäßig im Home-Office arbeiten, kann man Büros verkleinern und dadurch Platz sparen. So spart sich ein Arbeitgeber bei 25 Mitarbeitern im Home-Office bereits um die 7.500 Euro. Sind Shared Workspaces also die Zukunft? Immerhin gibt es sogar jetzt schon Unternehmen, die überhaupt keine Büros mehr besitzen und nur noch virtuell miteinander zusammenarbeiten. In einigen Firmen trifft man sich lediglich gelegentlich im Büro und stärkt den Teamzusammenhalt stattdessen mit gemeinsamen Events.

Fazit

Heimarbeit gehört der Vergangenheit an, aber Home-Office ist die Zukunft. Durch die Corona-Krise hat sich die Arbeitswelt drastisch verändert und es ist klar geworden, dass es in der heutigen Zeit wichtiger denn je ist, flexibel zu bleiben und sich schnell anpassen zu können. Örtlich unabhängig zu sein ist nicht mehr nur praktisch, sondern für Unternehmen unter gewissen Umständen sogar überlebensnotwendig.

Zudem haben sich die Ansprüche und Erwartungen der neuen Generationen geändert. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit werden auch von Angestellten immer mehr gefordert. All dies zeigt, dass sich die Büros, so wie wir sie jetzt kennen, in den nächsten Jahren wohl definitiv verändern werden. Und dass sich das Home-Office zu einem immer wichtigeren Bestandteil unserer Arbeitswelt entwickelt, wenn es nicht sogar auch dauerhaft zum neuen Standard werden wird.

Quellen: planet-wissen.de, deutschlandradio.de


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