Stay at home: Wer hätte gedacht, dass dieser Satz zum Leitspruch des Jahres 2020 wird? Nach wie vor befindet sich eine große Zahl an Arbeitnehmern im Home-Office. Schließlich sollen in der Corona-Pandemie unnötige Kontakte vermieden werden. Doch wie finden wir eigentlich dieses offiziell verordnete Home-Office? Ganz klar: Es hat Vorteile, aber auch Nachteile.

Pro 1: Kein Arbeitsweg

8 Uhr, der Wecker klingelt: Jetzt aber raus aus den Federn! Oder einfach noch mal umdrehen? Kein Problem, dein Arbeitsweg ist ja seit Corona auf 10 Meter zusammengeschrumpft. Das ist genau die Strecke zwischen deinem Bett und deinem Arbeitsplatz im Wohnzimmer. Also: Snooze! Dein Meeting um 9 Uhr schaffst du locker, und ob du vorher noch unter die Dusche springst oder nicht, entscheidest du ebenfalls ganz spontan. Zum Glück gibt es im Video-Call ja noch keine Geruchsübertragung.

Wer von zuhause aus arbeitet, spart sich jede Menge Zeit: An- und Abfahrt entfallen, inklusive Staus oder Verspätungen durch den öffentlichen Nahverkehr. Im Schnitt legt der Berufspendler in Deutschland ca. 17 Kilometer einfache Strecke zur Arbeit zurück. Fällt diese Reisezeit weg, kann das deinen Stress enorm reduzieren. Und du wirst merken: Eine halbe oder sogar eine Stunde Schlaf mehr pro Nacht tut unserem Wohlbefinden oft sehr gut. Wer ausgeschlafen ist, lebt gesünder – das ist schließlich erwiesen. Und die abendliche Rückreisezeit, die wegfällt, kannst du wunderbar für Sport nutzen! Keine Frage: Nach sechs Monaten Home-Office erkennt dich kaum einer wieder. Dein Sixpack sprengt deine Jeans, die tiefdunklen Augenringe – bisher dein Alleinstellungsmerkmal in der Clique – sind wie weggeblasen, und du strotzt nur so vor lauter Power!

Pro 2: Man kann arbeiten!

Wer sich seit geraumer Zeit zuhause befindet und dort sein berufliches Headquarter eingerichtet hat, kann es sicher unterstreichen: Endlich kommt man mal zum Arbeiten – beim Arbeiten. Kein Kollege, der einem schon vor dem ersten Kaffee im Büro seine Wochenend-Erlebnisse ungefragt um die Ohren haut. Kein Chef, der dir nur kurz zwischen Tür und Angel noch fünf zusätzliche Tasks für heute auf den Schreibtisch legt. Und keine nervigen Kicker- oder Dartpausen mit den anderen Mitarbeitern, wozu man sich einzig und allein aus sozialem Druck genötigt fühlt und die doch immer eher eine Selbstdarstellershow für die zwei Supertypen aus dem Marketing sind.

Du setzt dich jetzt an deinen Heimarbeitsplatz und legst los: Rechnen, formulieren, simulieren, entwickeln, organisieren, testen, analysieren, korrigieren – was auch immer, du kommst dazu. Ungestört, in deinem Tempo, konzentriert. Ablenkung war gestern, du und dein Computer, ihr seid jetzt perfekt fokussiert auf das optimale Ergebnis. Die meisten Angestellten können es sicher unterschreiben: Im Home-Office schwingt man sich zu ganz neuen Höhen an Produktivität auf.

Produktivität im Homeoffice
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Pro 3: Flexibel ist das Zauberwort

Für viele ist sie das Hauptargument für das Arbeitsmodell Home-Office: die Flexibilität. Denn gerade wer verschiedene (private) Termine unter einen Hut zu bringen hat, und das idealerweise in Wohnortnähe, der profitiert von der Möglichkeit, zuhause zu arbeiten.

Der Gasableser kommt heute „im Laufe des Vormittags“ vorbei? Kein Problem, du bist da!
Deine neuen Möbel werden „zwischen 9 und 15 Uhr“ geliefert? Klaro, anwesend!
Dein Physio-Termin lässt sich nicht anders als „auf 11.30 Uhr“ legen? Macht nichts, lässt sich einrichten.
Und deine Tochter muss „um Punkt 16 Uhr“ vom Kindergarten abgeholt werden? Wird erledigt.

Dank Home-Office alles kein Problem.

Es ist besonders diese Flexibilität, die für viele von uns den Alltag extrem erleichtert, wenn wir von zuhause aus arbeiten. Hinzu kommt: Mit flexiblem Arbeiten lassen sich nicht nur private Termine besser organisieren. Oftmals gibt es auch im Berufsalltag Zeitfenster, in denen man kurz Leerlauf hat. Lassen sich diese dann sinnvoll mit anderen Tätigkeiten füllen, setzt man sich anschließend wieder umso motivierter an den Schreibtisch. Voraussetzung, damit solch eine Arbeitsweise funktioniert, ist eine nachvollziehbare Arbeitszeiterfassung, aber auch das Vertrauen des Chefs in die generelle Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter.


Contra 1: So lonely

Das Meinungsforschungsinstitut forsa befragte Ende April 2020 1.000 Angestellte zwischen 18 und 65 Jahren in Deutschland zu ihrer Arbeitsplatzsituation. Mehr als die Hälfte der Befragten befand sich damals täglich im Home-Office, über 80 Prozent arbeiteten mindestens 3 Tage pro Woche von zuhause. Wie bewerteten die Arbeitnehmer ihre Situation? Das Ergebnis: Den Menschen fehlten in erster Linie die direkten, sozialen Kontakte. 80 Prozent gaben an, dass sie die persönliche Zusammenarbeit mit ihren Kollegen vermissten. Auch die Team- und Projektarbeit (40 Prozent) sowie der Kundenkontakt (30 Prozent) fehlten.

Kein Wunder: Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen. Sicher, der eine mehr, der andere weniger. Trotzdem gehen uns auf die Dauer die zwischenmenschlichen, unmittelbaren Begegnungen ab, wenn sie nicht mehr stattfinden. Und sei es nur, weil man sich über den einen oder anderen Kollegen so schön aufregen kann – aber auch das ist soziale Nähe und direkter Kontakt, unmittelbare Kommunikation. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis und wir vermissen sie, wenn sie denn fehlt.

Natürlich ist mittlerweile aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung vieles möglich: Online-Teammeetings, Videokonferenzen, Chats – all das macht ja Home-Office in diesem Umfang für uns erst möglich. Und trotzdem muss wohl auch so mancher Digital-Freak zugeben: Virtuelle Kontakte können das persönliche Begegnen einfach nicht komplett ersetzen. Zudem kommunizieren wir online anders. Ein gewisses Maß an Kommunikation, das im Büro oft „zwischen Tür und Angel“ stattfindet, geht über die Entfernung doch verloren. Und darin können mitunter auch wertvolle Informationen enthalten sein.

Zuhause arbeiten
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Contra 2: Kampf mit der Technik

Fehlendes Equipment, mangelhafte technische Ausrüstung, schwache Internetverbindung: Für Home-Office-Mitarbeiter stellen diese Probleme die größten Herausforderungen im Arbeitsalltag dar. Wer kennt es nicht? Montags im Teammeeting sieht man zwar alle Kollegen, jedoch rauscht es quasi dermaßen im Äther, dass man entnervt nach 5 Minuten aufgibt. Dienstags dasselbe Spiel mit vertauschten Rollen: exzellenter Ton, mieseste Bildqualität. Mittwoch dann der Totalausfall: Dein Internet spinnt. Keine Frage: So macht Home-Office keinen Spaß.

Noch dazu ist man plötzlich für alles selbst verantwortlich: Jetzt heißt es Kabelverbindungen prüfen, Neustart durchführen, Updates genehmigen. Kein Vergleich zu früher im Unternehmen: Da konntest du dir einfach schnell ein Ticket bei der IT rauslassen, dir dann gemütlich erst mal eine Tasse Kaffee in der Büroküche ziehen und anschließend ganz entspannt dem Nerd aus der IT-Abteilung bei der Arbeit hinter deinem Schreibtisch zugucken; ein paar schlaue Kommentare von dir aus dem Off inklusive.

Zu Beginn der Corona-Pandemie war zudem für alle Arbeitnehmer, bei denen es nur irgendwie möglich war, Home-Office erst mal Pflicht. Es gab schlichtweg keine Alternative, denn ins Büro sollte niemand mehr kommen. Doch bei weitem nicht alle Unternehmen waren auf diese Situation vorbereitet. Und so fehlte und fehlt es noch immer einigen Home-Office-Mitarbeitern schlicht und ergreifend an der richtigen Hardware. So ist beispielsweise bei bestimmten Aufgaben ein zweiter Bildschirm unerlässlich. Generell kann man vor einem Laptop-Bildschirm schlecht 9 Stunden pro Tag arbeiten. Doch diese zusätzlichen Investitionen scheuen viele Firmen noch aus Kostengründen. Dabei wären sie unbedingt nötig, um den Mitarbeitern auch zuhause konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen.

Hinzu kommt, dass viele Arbeitnehmer im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung selbstverständlich keinen optimal eingerichteten Arbeitsplatz zur Verfügung haben. Ein Küchen- oder Esstisch ist kein Schreibtisch, ein Holzstuhl oder gar die Couch entspricht auch nicht nur annähernd einem höhenverstellbaren Bürostuhl. Wer so auf die Dauer arbeitet, muss fast mit Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen rechnen.

Contra 3: Privatleben und Berufliches mischen sich

Spätestens, wenn deine Ehefrau nur im Slip bekleidet durch deinen Bildschirmhintergrund wandert und somit unfreiwillig ebenfalls an der Videokonferenz mit Chef und Kollegen teilnimmt, fragst du dich: Muss das sein? Oder wenn der Nachwuchs mal wieder lautstark übelste Schimpfworte durchs ganze Haus brüllt, während du den Teamleiter von deinem innovativen Geschäftsmodell zu überzeugen versuchst. Ey, cool down, Alter.

Im Home-Office verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichen, und das führt unweigerlich zu unangenehmen Situationen – vorausgesetzt, du möchtest so viel Nähe nicht. Ganz sicher werden deine Kollegen einen konkreteren Eindruck von dir, deiner Familie und deiner Wohnsituation bekommen, wenn ihr dauerhaft von zuhause aus arbeitet.

Homeoffice mit Baby
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Bislang hatte außerdem der Arbeitsweg eine Art „Trennfunktion“ zwischen Büro und zuhause inne. Für viele Arbeitnehmer stellt dieser einen wertvollen Zeitpuffer dar, in dem man herrlich abschalten kann. Der Ärger aus der Konferenz, die hitzige Diskussion mit dem Chef oder die bedenklichen Umsatzzahlen – viele Arbeitnehmer schaffen es, diese Gedanken auf dem Heimweg von der Arbeit hinter sich zu lassen, um dann zuhause ohne Ballast ins Privatleben zu starten. Hinzu kommt, dass Arbeit und Privates auch räumlich ganz klar voneinander getrennt sind, wenn du ausschließlich im Unternehmen tätig bist.

Arbeitet man jedoch ständig vom Küchentisch aus, sind dort auch immer die beruflichen Themen parat. Und manch einer findet gar den Ausschaltknopf des Laptops nicht mehr bzw. setzt sich auch noch spätabends ans Gerät – wenn es doch schließlich immer verfügbar ist. Hier heißt es aufpassen, dass man nicht in ein ungesundes Arbeitsverhalten abrutscht. Das kann ernste Folgen für deine psychische Gesundheit haben und bis hin zu einem Burnout führen.

Fazit

Es ist wie mit vielen Dingen im Leben: Immer gibt es zwei Seiten der Medaille. Home-Office bietet Arbeitnehmern die Möglichkeit, Privatleben und Berufliches flexibler unter einen Hut zu bekommen und sich unter Umständen auch längere Zeit besser zu konzentrieren. Das kann zu mehr Zufriedenheit im Job führen. Jedoch fehlen den Menschen auf die Dauer die direkten persönlichen Kontakte, und auch im Workflow knirscht es oftmals aufgrund der fehlenden direkten Kommunikation im Büro. Den Mangel an zwischenmenschlichen Begegnungen empfinden viele als größten Nachteil. Optimal scheint eine gute Mischung: Zwei oder drei Tage Home-Office pro Woche, die restlichen Tage im Büro – so sähe für viele eine perfekte Arbeitsgestaltung aus.


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