120 Menschen. 3 Jahre. 1.200 € im Monat. Das sind die Eckdaten eines wissenschaftlichen Experiments zum Grundeinkommen, welches in Deutschland starten soll. Die Teilnehmer müssen für den Erhalt des Geldes nichts weiter tun, als innerhalb der Studienzeit insgesamt sieben Fragebögen auszufüllen. 

Hinter dem Projekt steckt der gemeinnützige Verein „Mein Grundeinkommen e.V.“, welcher in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts und der Uni Köln das Grundeinkommen mit seinem Pilotprojekt empirisch prüfen möchte. In der Vergangenheit gab es auch in Deutschland bereits ähnliche Experimente, jedoch ist dies die erste wissenschaftliche Langzeituntersuchung dieser Art. 

Das Projekt stieß in kürzester Zeit auf sehr große Resonanz. So gingen innerhalb von 70 Stunden bereits mehr als eine Million Bewerbungen ein. Finanziert wird das Ganze aus Spenden von Privatpersonen.

Was ist das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens?

Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist es, dass alle Menschen in Deutschland ihr Leben lang vom Staat so viel Geld bekommen, wie sie zum Leben brauchen, und zwar ohne, dass sie dafür etwas tun müssen. Dies soll dazu beitragen, die soziale Situation zu verbessern und die Wirtschaft anzukurbeln. Dazu gibt es mehrere mögliche Konzepte und Finanzierungsmodelle. Das Grundeinkommen ist nicht einkommenssteuerpflichtig, allerdings könnten durch die Auszahlung andere soziale Leistungen, wie beispielsweise Hartz IV oder das Elterngeld, gemindert oder ganz gestrichen werden. 

Das bedingungslose Grundeinkommen ist immer wieder Mittelpunkt hitziger Diskussionen, wobei diese meist auf ideologischen Glaubenssätzen beruhen. Befürworter sind der Meinung, ein Grundeinkommen würde die Gesellschaft positiv verändern und die Menschen freier und zufriedener machen. Ohne den ständigen Druck durch unsere Arbeit und die Sorge um ein nicht ausreichendes Einkommen hätten wir mehr Selbstvertrauen und wären gesünder. Jeder zweite Mensch in Deutschland ist burnoutgefährdet – das soll sich ändern. 

Die Kritiker hingegen sehen das Konzept als nicht finanzierbar und fürchten, dass sich die Menschen durch die Einführung eines Grundeinkommens ungebraucht fühlen werden, wenn sie nicht mehr zur Arbeit verpflichtet sind. Zudem möchten sie eine zunehmende Trägheit der Gesellschaft keinesfalls unterstützen. Nun soll das Thema mithilfe wissenschaftlicher Daten endlich realistisch debattiert werden können. 

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist für alle nur machbar, wenn folgende Punkte gegeben sind:

  • Es muss individuell und kollektiv positive Wirkungen entfalten.
  • Es muss vom Staat finanzierbar sein.
  • Es darf den Anreiz zu bezahlter Arbeit nicht zu stark mindern.

Das Pilotprojekt möchte alle drei Voraussetzungen überprüfen und besteht deshalb aus drei verschiedenen Studien, die alle unterschiedlich aufgebaut sind.

Auch in anderen Ländern wurde die Idee des Grundeinkommens bereits ausprobiert und getestet. Allerdings sind die Ergebnisse für die Debatte in Deutschland nicht wirklich relevant. 

Pilotprojekt Grundeinkommen
Bildquelle: www.istockphoto.com / anyaberkut

Ablauf des Experiments

Ab dem Frühjahr 2021 sollen mindestens 120 Teilnehmer, unabhängig von ihren sonstigen Verdiensten, für drei Jahre ein zusätzliches monatliches, bedingungsloses Grundeinkommen von 1.200 € erhalten. Im Gegensatz dazu steht eine Kontrollgruppe aus 1.380 Menschen, die kein Grundeinkommen erhalten. Diese dient zur Überprüfung der tatsächlichen Veränderungen durch das Geld. Ziel ist es, eine möglichst große Zahl an Bewerbern zu generieren, damit die Gruppen repräsentativ sind. 

Beide Gruppen erhalten während der Studienzeit alle sechs Monate einen Fragebogen, welcher etwa 25 Minuten Zeit in Anspruch nimmt. Optional werden mit einigen Teilnehmern auch tiefergreifende Interviews geführt und Haarproben ausgewertet, um den Stresslevel zu testen. Ziel ist, herauszufinden, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft verändert.

Dazu sind vor allem folgende Fragen interessant:

  • Was machen die Menschen mit dem zusätzlichen Geld?
  • Wie wirkt sich das auf die allgemeine Zufriedenheit aus?
  • Arbeiten die Menschen weniger?
  • Arbeiten die Menschen mehr?
  • Wie wirkt sich die neue Situation auf die Gesundheit aus?
  • Sinken Existenzängste und Stress?
  • Sinkt die Burnout-Rate?

Einschränkungen der Studie

Um heraufzufinden, was sich für den Einzelnen verändert, ist das Pilotprojekt durchaus geeignet. Dennoch hat es seine Grenzen, da das Umfeld der Teilnehmer nicht vom Grundeinkommen geprägt ist. Würden nämlich alle Menschen in Deutschland ein Grundeinkommen erhalten, hätte dies auch andere Einflüsse, beispielsweise auf das Steuersystem. Um das Grundeinkommen zu finanzieren, müssten zudem vermutlich andere Sozialleistungen wegfallen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes können somit nicht erfasst werden. 

Wie geht es weiter?

Sollte die erste Studie zeigen, dass ein Grundeinkommen einen deutlichen positiven Effekt auf die Teilnehmer hat, folgen noch zwei weitere Studien. Eine davon beschäftigt sich mit einem Mindesteinkommen, die andere testet das bedingungslose Grundeinkommen mit simulierter Besteuerung. 

Ab 2022 soll untersucht werden, wie stark die Effekte aus Studie 1 noch sind, wenn es „statt mehr Geld nur mehr Sicherheit gibt“. Dazu wird das Einkommen von Teilnehmern, die weniger als 1.200 € im Monat verdienen, entsprechend aufgestockt.

In Studie 3 (geplanter Start 2023) geht es um die Frage, wie ein realistisches Finanzierungskonzept aussehen kann. Dafür wird das bedingungslose Grundeinkommen mit einer simulierten Steuer von 50 Prozent auf alle sonstigen Einkäufe verrechnet und die Differenz ausgezahlt. 

Nach Ablauf der drei Studien sollte feststehen, ob das Grundeinkommen Effekte erzeugt und ob diese Effekte eher auf das zusätzliche Geld oder auf das neue Sicherheitsgefühl zurückzuführen sind. 

Fazit 

Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen eine glücklichere Gesellschaft erschaffen, die ihren Wert auf Gemeinschaft legt? Wie wirkt sich diese Umstellung auf das Klima und unser Konsumverhalten aus? Wird aus Konkurrenzkampf endlich Kooperation? Führt das bedingungslose Grundeinkommen zu einer gesteigerten Eigenverantwortung und Selbstverwirklichung? Oder ist viel eher das Gegenteil der Fall? 

Bisher hatte noch kein Pilotprojekt so günstige Voraussetzungen, um so konsequent die Grundlagen dieses Themas zu erforschen. Zum ersten Mal werden sowohl individuelle als auch kollektive Wirkungen jenseits des Arbeitsmarktes erforscht. Auf oben genannte Fragen könnte es also hoffentlich schon bald erste Antworten geben. 

Quelle: pilotprojekt-grundeinkommen.de


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