Für viele Menschen gibt es kaum Schöneres, als etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben. Beruflich erfolgreich zu sein dank der eigenen, herausragenden Leistung – darauf kann man stolz sein. Doch es gibt Menschen, die sich daran nicht freuen können: Sie machen für Erfolge konstant den Zufall verantwortlich und leben in ständiger Angst, als Hochstapler entdeckt zu werden.

Ständig in Angst

Letzte Woche ist dir ein richtiger Coup im Job gelungen: Du hast einen großen Kunden an Land gezogen, und deine Chefin hat dich über alle Maßen gelobt – vor der ganzen Abteilung. Das ist noch nicht alles: Sie hat dir eine dicke Gehaltserhöhung angekündigt, und deine Beförderung zum Teamleiter rückt wohl auch in greifbare Nähe.

Eigentlich jede Menge Gründe, sich zu freuen. Doch irgendwie mag dir das nicht so recht gelingen? Es macht sich ein dumpfes Gefühl in dir breit, dass du das alles gar nicht verdient hast? Gepaart mit einer diffusen Angst, die anderen könnten erkennen, dass du eigentlich gar nicht so viel kannst im Job, wie jetzt alle meinen? Dann geht es dir vielleicht wie vielen Menschen, die sich an ihren Erfolgen schlecht freuen können und ihre erbrachte Leistung nicht bei sich selbst und ihren eigenen Leistungen verorten. Hat man damit dauerhaft zu kämpfen, kann dieser Umstand zu einem echten Problem werden. Man spricht dann auch vom „Hochstapler-Syndrom“.

hochstapler syndrom im job; impostor syndrom
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Das Hochstapler-Syndrom

Damit bezeichnet man eine ganz spezielle Form von Minderwertigkeitskomplex. Menschen, die das Hochstapler-Syndrom oder auch Impostor-Syndrom aufweisen, sind grundsätzlich der Meinung, sie hätten beruflichen Erfolg nicht verdient. Es stünde ihnen nicht zu, erfolgreich zu sein, und sei seien niemals dazu in der Lage, die entsprechenden Leistungen auch tatsächlich zu vollbringen. Wissenschaftler bevorzugen es allerdings, vom Hochstapler-Phänomen zu sprechen. In der Psychologie wird es als Denkmuster gesehen, das an sich noch keine Krankheit darstellt. Es kann aber in der Folge zu verschiedenen Krankheitsbildern führen.

Ein gewisses Maß an Selbstzweifeln kennt mit Sicherheit fast jeder. Und das ist ja durchaus auch gesund: Sich ab und an mal selbst in Frage zu stellen, zu überprüfen, was man kann und wo man hinkommen möchte. Doch wer das Hochstapler-Syndrom hat, der verspürt einen echten Leidensdruck. Obwohl er beruflich einen Erfolg nach dem anderen einfährt, begründet er diesen nie mit den eigenen erbrachten Leistungen. Er findet immer wieder externe Umstände, die er dafür verantwortlich macht, dass ihm etwas geglückt ist. Das können Dinge wie Zufall, Glück, Versehen oder Vitamin B im Berufsleben sein. Sich selbst auf die Schulter zu klopfen und dabei innerlich ein kräftiges „gut gemacht“ zu hören, dieser Wesenszug ist ihm völlig fremd.

Wer ist betroffen?

Besonders Frauen leiden unter dieser speziellen Form des Minderwertigkeitskomplexes. Studien legen nahe, dass die Wurzeln häufig im Elternhaus liegen: Eltern neigen dazu, ihr eigenes Kind für reifer, charakterlich ausgeprägter oder begabter zu halten als Gleichaltrige. Oder sie kritisieren ihr Kind und vergleichen es ständig mit den Geschwistern. Interessanterweise können beide Aspekte zum Impostor-Phänomen führen: Das Gefühl, als Kind überschätzt zu werden oder im Gegenteil im Vergleich mit anderen immer schlecht abzuschneiden, kann Kinderseelen schaden und sich dann im Erwachsenenleben entsprechend manifestieren. Interessant: Frauen, die in männlich dominierten Berufsfeldern wie hohen Managementpositionen oder im Wissenschaftsbereich sehr erfolgreich sind, sind überdurchschnittlich häufig von solchen Selbstzweifeln, gepaart mit depressiven Verstimmungen, betroffen.

Auffällig oft ist das Impostor-Syndrom auch bei hoch- oder vielbegabten Menschen zu finden. Diese haben teilweise schon in der Kindheit damit zu kämpfen, weder von Mitschülern akzeptiert und verstanden noch von Lehrern im richtigen Maße gefördert zu werden. Sie fühlen sich bereits frühzeitig ziemlich allein gelassen, und daraus resultiert nicht selten ein geringes Selbstwertgefühl. Hinzu kommt, dass ihre Mitschüler zum Teil richtig hart arbeiten müssen für ihre schulischen Erfolge. Da hochbegabten Kindern scheinbar alles zufliegt, fühlen sie sich unterschwellig „schuldig“ und eigentlich nicht verantwortlich für ihre exzellenten Leistungen.

hochstapler syndrom im job; zwei Kollegen blicken sich neidisch an
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Konkurrenz trifft auf Minderwertigkeitsgefühle

Auch im Erwachsenenleben und besonders im Beruf spielt der Vergleich mit anderen häufig eine große Rolle. Fährt der Nachbar ein größeres Auto? Kann ich mit den Fähigkeiten meiner Kollegen mithalten? Paart sich dieser Hang zum Konkurrieren mit einem Minderwertigkeitskomplex, ist der Weg ins Hochstapler-Syndrom nicht mehr weit. Er wird genährt von einem permanent hohen Leistungsanspruch und dem ständigen Vergleich mit anderen Menschen, sei es im Privatleben oder im neuen Job. Der immer währende Blick nach rechts und links auf Kollegen und Freunde und deren Karriere- oder Lebensbilanz produziert Stress und verhindert die eigene Lebenszufriedenheit. Frauen, die in männlich dominierten Karrierewelten erfolgreich sind, sind diesem Konkurrenzdruck tagtäglich in sehr hohem Ausmaß ausgesetzt.

Das Paradoxe am Hochstapler-Phänomen ist jedoch, dass sich die Betroffenen auch an tatsächlichen Erfolgen nicht freuen können. Denn: Floriert in dieser Situation die eigene Karriere, treten plötzlich massive Ängste auf; die Betroffenen leben häufig in der Vorstellung, aufzufliegen, als Blender und Hochstapler entlarvt zu werden und sind sich sicher, dass auch Vorgesetzte und Kollegen bald dahinterkommen müssen, dass sie vollkommen unverdient auf ihrem Posten sitzen. Die Folgen sind unausweichlich Stress, Schlafstörungen und Depressionen. Der Grund für dieses Verhalten ist ein diffuses Gefühl, die Erfolge nicht aus eigener Kraft erbracht zu haben, und „es nicht wert zu sein“.

Tricks zur Selbsterkenntnis

Doch was hilft, wenn ich merke, dass ich mich an meinen beruflichen Erfolgen nicht freuen kann? Dass mich Selbstzweifel und Ängste plagen und ich nicht einmal selbst an mich und meine eigene Leistung glaube?

Ein erster Schritt in die richtige Richtung kann bereits sein, sich der eigenen Denkmuster klar zu werden. Wer sich irgendwann in einer ruhigen Minute einmal bewusst mit seinen eigenen Verhaltensweisen auseinandersetzt und entdeckt, dass er für berufliche Erfolge in der Vergangenheit immer gerne Bruder Zufall und Schwester Schicksal zur Verantwortung gezogen hat, hat schon viel erreicht. Es kann auch helfen, sich wichtige Stationen in der eigenen Karriere aufzuschreiben. Notiere dann dazu, auf welche Umstände du dein damaliges Fortkommen zurückführst. Ein Blick auf diese Liste kann dir sehr schnell deutlich machen, ob du an chronischen Selbstzweifeln leidest.

Wege aus der Not

Wer diese Abwärtsspirale aus eigener Kraft nicht mehr stoppen kann, dem bleibt häufig nur der Gang zum Therapeuten. Denn das permanente Gefühl, seinen Erfolg nicht zu verdienen und als Betrüger entlarvt zu werden, kann so ernsthaft krank machen, dass man dagegen professionell vorgehen sollte. Vielen Betroffenen hilft auch der Austausch in Selbsthilfe-Gruppen oder -foren zum Thema „Impostor-Syndrom“. Oftmals reicht es jedoch schon aus, selbst zu erkennen, dass man in solch einem Denkmuster aus Zweifeln und Ängsten gefangen ist. Dann fällt der nächste Schritt, nämlich sich der eigenen Leistungsfähigkeit wieder bewusst zu werden, oft gar nicht mehr so schwer.