„Ich wollte einfach was mit Menschen machen.“ Was nach dem Klischee schlechthin klingt, warum man in der Pflege arbeitet, ist für Johanna Stuck (Name von der Redaktion geändert) ihr ganz persönlicher Grund, weshalb sie beruflich in die Pflegebranche wechselte. Nach vielen Jahren im Büro und am Bankschalter war ihr klar: Jetzt ist es Zeit für etwas Neues, etwas anderes. Heute sitzt sie mir gegenüber und erzählt von ihrem Beruf als Betreuungsassistentin in einem Seniorenheim. Aus ihrer Sicht eine wirklich tolle Tätigkeit, die viel Abwechslung und auch kreativen Spielraum bietet, aber durchaus auch herausfordernd ist. Auf jeden Fall aber ein Job, der sich in vieler Hinsicht lohnt – für sie selbst, für die Bewohner, mit denen sie arbeitet, und für die ganze Gesellschaft.

Vermutlich ist der Karriereweg von Johanna gar nicht so selten in der Pflegebranche. Für einige Menschen bietet unsere klassische Bürowelt nach ein paar Jahren kein wirklich spannendes Umfeld mehr, eher im Gegenteil: Viele empfinden es als unmenschlich, kühl, profitorientiert. Und da kommt so manch ein Büroangestellter ins Grübeln. War das alles? Wie sinnvoll ist meine Tätigkeit überhaupt? Was tue ich da eigentlich den ganzen Tag?

„Früher, als ich in der Bank noch am Schalter gearbeitet hatte, fand ich den Job toll“, erzählt Johanna. „Ich hatte jede Menge mit den Leuten zu tun, das waren zum Teil richtig persönliche Kundenbeziehungen.“ Doch als sie nicht mehr am Schalter eingesetzt wurde, merkte sie schnell: Eigentlich ging es in dem Business nicht mehr um die Menschen. Die standen nicht an vorderster Stelle. „Als ich das bemerkte, war ich unzufrieden. Und mir war klar: Ich will was anderes machen“, erklärt sie. Die Suche nach einem „Job mit Sinn“ begann.

Qualifizierung zur Betreuungsassistentin

Johanna machte sich schlau und stieß auf die Qualifizierung zur Betreuungsassistentin, damals noch nach § 87b (heute nach § 43b und § 53c). Das ist keine eigenständige komplette Ausbildung, aber der Abschluss ist Voraussetzung, um dementiell erkrankte Menschen in ambulanten oder stationären Pflegeeinrichtungen zu betreuen. Der Lehrgang lässt sich gut in Teilzeit absolvieren und umfasst ca. 160 Stunden Theorieunterricht, entsprechende Abschlussprüfungen plus diverse Praktika. Betreuungsassistenten sind nicht in der direkten körperlichen Pflege tätig, sondern arbeiten im Bereich „soziale Betreuung“: Sie führen mit den Bewohnern eines Heims kreative Angebote durch, basteln, singen, machen Gymnastik, und beschäftigen sich mit ihnen abseits der rein pflegerischen Versorgung. Der Großteil der Angestellten in diesem Bereich ist später auch in Teilzeit tätig, ca. zwischen 15 und 25 Wochenstunden.

„Ich hatte zufällig solch eine Stellenausschreibung in einem Seniorenheim bei mir in der Nähe entdeckt und bin dann da einfach mal vorbeigegangen“, erzählt Johanna. Obwohl sie damals die Qualifikation noch nicht vorweisen konnte, durfte sie in der Einrichtung ein Schnupper-Praktikum machen. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und die Einrichtung war richtig begeistert von mir“, erinnert sie sich. „Die wollten mich gleich haben.“ Aber ohne Qualifizierung – keine Chance auf eine Anstellung.

Somit suchte sie sich auf eigene Faust einen privaten Anbieter in München, der diese Maßnahme anbot. Für Johanna war das perfekt: Im September 2014 absolvierte sie den Kurs in Teilzeit, was ein Vierteljahr in Anspruch nahm. Das ließ sich auch mit ihrem damals noch vierjährigen Sohn gut vereinbaren. Die Maßnahme wurde – und wird immer noch – bis zu 100 % von der Agentur für Arbeit bezuschusst. Finanziell gesehen natürlich ein Vorteil, doch Johanna sieht das auch kritisch: „Das hat zur Folge, dass die da gefühlt wirklich jeden reinstecken. Und das ist aus meiner Sicht schade, denn man muss ja schon geeignet sein für diesen Job.“

Besprechung, Übergabe, Guten-Morgen-Kreis

Dienstag, 9 Uhr. Johannas „langer Tag“. Es geht los: Umziehen, Überblick verschaffen. Johanna arbeitet in Teilzeit, 12 Stunden pro Woche. Sie hat ja selbst Familie, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Was war im Heim unter der Woche los, als sie nicht da war? Welche Neuigkeiten gibt es bezüglich der Bewohner? „Das bespreche ich mit meiner Chefin oder einer Pflegekraft“, erklärt sie. Und sie wirft einen Blick in das Übergabebuch, in dem alle wichtigen Dinge vermerkt sind. Das Pflege- und Seniorenheim, in dem sie als Betreuungsassistentin arbeitet, ist relativ klein: Es hat 34 Betten, auf zwei Etagen bzw. zwei Stationen à 17 Bewohner verteilt. Für Johanna ein Vorteil: „Ich fühle mich dort sehr wohl“, sagt sie. Durch die überschaubare Anzahl an Bewohnern und Kollegen entstehe ein sehr persönliches Arbeitsklima.

Jetzt ein Blick auf den Wochenplan. Was steht heute an? In den Wochenplan werden alle Feste und Veranstaltungen sowie sonstige Termine eingetragen. Fixe Angebote sind bei Johanna zum Beispiel die wöchentliche „Bunte Stunde“, der Bingo-Nachmittag oder Freizeitbeschäftigungen wie Kegeln, Basteln oder aber auch Gottesdienste im Haus. „Natürlich machen wir auch immer Aushänge für unsere Bewohner am Schwarzen Brett, damit jeder weiß, was wann stattfindet“, ergänzt Johanna. Sie arbeitet in diesem Heim in einem Team mit vier Kolleginnen plus Chefin – allesamt in Teilzeit tätig. Was allerdings auch zur Folge hat, dass man einige Kollegen so gut wie kaum trifft.

Es geht los: Heute ist „Bunte Stunde“. Zunächst nur für die Bewohner aus dem ersten Stockwerk, damit die Teilnehmerzahl überschaubar bleibt. Und natürlich auch nur für diejenigen, die Lust haben, mitzumachen. Das heißt für Johanna also die Werbetrommel rühren. „Ich lade die Bewohner ein, mitzumachen, spreche sie noch einmal an und mache sie auf das Angebot aufmerksam“, erklärt sie. „Meistens schafft man es, so ca. zehn Bewohner zu motivieren.“ Ca. 2/3 der Bewohner haben Demenzerkrankungen, in unterschiedlichen Ausprägungen und Stadien. Da ist es natürlich eine besondere Herausforderung, die Menschen zum Mitmachen zu animieren. Das Altersspektrum der Bewohner liegt aktuell zwischen Mitte Siebzig und knapp hundert Jahren.

Alle, die dabei sein wollen, versammeln sich mit Johanna im Frühstücksraum. Auf zur Guten-Morgen-Runde: Jeder wird begrüßt, alle wünschen sich einen guten Morgen. „Ich frage meistens auch nach dem Datum, oder ich erzähle, wer heute Namenstag hat“, erzählt Johanna. Zu speziellen Ereignissen wie Feiertagen oder Gedenktagen bereitet sie etwas Passendes vor. Dann wird gemeinsam gespielt: Stadt-Land-Fluss ist ein Dauerbrenner. Zum Abschluss singt Johanna mit den Bewohnern; dann gibt es noch ein Tagesgebet oder einen schönen Spruch zum Abschied.

Im Anschluss daran macht sie ihr Angebot noch einmal für die Bewohner des zweiten Stocks. Dann ist es Mittag, ca. 12 Uhr. Johanna verräumt ihre Sachen, bespricht Wichtiges mit ihrer Chefin oder aber führt auch noch Gespräche mit Bewohnern. Dann macht sie Mittag.

Betreuungsassistent im Seniorenheim
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Per Gesetz: Recht auf Betreuung

Betreuungsassistenten sind heutzutage durchaus gesucht. Das hat auch mit einer gesetzlichen Änderung Anfang 2017 zu tun: Während früher nur Demenzkranke ab einem gewissen Stadium Anspruch auf soziale Betreuung hatten, stehen seit dem 1. Januar 2017 jedem Bewohner eines Pflege- oder Seniorenheims gesetzlich zwei Stunden an sozialer Betreuung pro Woche zu. „In diese zwei Stunden pro Bewohner fällt allerdings auch meine komplette Dokumentation, die ich machen muss“, erklärt Johanna. „Unterm Strich ist das dann gar nicht mehr so viel Zeit für jeden Bewohner.“

Und dabei ist Zeit eines der Dinge, die Johanna als erstes einfallen, wenn man sie nach ihren Wünschen für die Pflegebranche fragt. „Mehr Zeit bräuchten wir“, meint sie. „Und natürlich fehlt Geld, eine bessere Bezahlung wäre wichtig. Mit dem Verdienst kannst du als Mann ja keine Familie ernähren oder zum Beispiel in München wohnen.“

Basteln, Singen, Einzelbetreuung

Die Mittagspause ist rum. Jetzt stehen bei Johanna besondere Aktivitäten an. Die sind je nach Jahreszeit und Wochentag unterschiedlich: „Mitte August, wenn Maria Himmelfahrt ansteht, binde ich zum Beispiel Kräuterbündel mit den Bewohnern, für die Kräuterweihe“, erzählt sie. Und dafür muss sie nicht nur kreativ sein, sondern sich auch jede Menge Gedanken machen: Was muss ich wie vorbereiten, damit die Leute selbst gut mitmachen können? Welches Material brauche ich? Wie setze ich es um?

„Ich empfinde meine Arbeit schon als sehr vielschichtige Tätigkeit“, sagt Johanna. „Das ist ja nicht nur eine oberflächliche Bespaßung, die ich da mache, sondern anspruchsvoll.“ Jeden Bewohner da abholen, wo er steht, ihn zu fördern, und ihm möglichst auch Erfolgserlebnisse und etwas Freude zu schenken – das ist eine große, tägliche Herausforderung in diesem Job. Hinzu kommt die mentale Komponente: Natürlich leben in einem Senioren- und Pflegeheim Menschen, die im letzten Abschnitt ihres Lebens angekommen sind, und die mitunter mit erheblichen Gebrechen zu kämpfen haben. „Manchmal denke ich mir, meinen Job müsste eigentlich ein Seelsorger machen“, meint Johanna. Denn sie empfindet ihn zwar als wahnsinnig abwechslungsreich, aber auch als fordernd: Man muss kreativ, sozial, seelsorgerisch, anpackend, praktisch, aber auch musisch und einfühlsam sein.

Diese empathische Seite braucht sie vor allem auch, wenn es nachmittags in die Einzelbetreuung geht. Dann spricht sie mit den Bewohnern, auch auf deren Zimmer, und hört zu. Lacht mit ihnen, weint mit ihnen, tröstet oder erzählt. Ist einfach da.

Ein Job mit ganz viel gutem Gefühl

Menschen, die nicht im Pflegebereich tätig sind, können manchmal absolut nicht verstehen, wie man in dieser Branche arbeiten mag. All das Leid, die tägliche Konfrontation mit Krankheit, Vergänglichkeit. Johanna sagt, was sie am meisten an ihrem Beruf schätzt, ist „das Persönliche“. Im Prinzip seien das ja alles zunächst völlig fremde Menschen, die ihr ihr Leben erzählen und ihr Herz ausschütten. „Und ich interessiere mich einfach sehr für Menschen“, erklärt Johanna. „Aber wer das nicht tut, ist auch fehl am Platz in diesem Job.“

Und für sie ist die Dankbarkeit der Menschen ihre größte Motivation, warum sie als Betreuungsassistentin arbeitet. „Die meisten hier sind wirklich für alles so dankbar. Sie freuen sich schon, wenn du nur kommst“, erklärt sie. „Wo findest du das denn heute noch? Man spürt einfach ganz direkt, dass man gebraucht wird.“

Abschalten – nicht immer leicht

Gegen 17.30 Uhr endet Johannas Arbeitstag. Dann fährt sie noch ca. 30 Minuten mit dem Auto nach Hause. Und diese Fahrzeit ist gar nicht so schlecht: Denn sie lässt einem ein wenig Zeit, um ab- bzw. umzuschalten. Von Arbeitsmodus auf Privatleben. Aber damit, das gibt Johanna ganz freimütig zu, hat sie so ihre Schwierigkeiten. „Ich habe ein Problem mit dem Abschalten, ich kann das nicht so gut“, erklärt sie. „Die Geschichten der Bewohner nehme ich doch irgendwie mit nach Hause.“ Auch deshalb ist es für sie sehr wichtig, in Teilzeit zu arbeiten. Ansonsten würde sie das zu viel Kraft kosten, meint sie. Es gäbe da einige Kollegen, die in Vollzeit hochengagiert arbeiten würden, und sich so fast aufrieben.

Was man mitbringen sollte für den Job als Betreuungsassistentin? Johanna fallen da sofort ein paar Dinge ein: viel Empathie, Tatendrang, Fröhlichkeit und positive Energie. „Und natürlich vor allem sehr viel Respekt“, fügt sie an. Für alle, die gerne mit Menschen arbeiten und sich für Menschen interessieren, kann der Job dann zu einer echten Erfüllung werden.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Spannende Einblicke in weitere Berufe aus der Pflegebranche gibt es hier:

Viermal rosa: Der Alltag einer Fachkraft in der Behindertenpflege


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