Arbeiten unter Palmen, mit einem kühlen Drink in der Hand, völlig unabhängig von Ort und Tageszeit – ein naiver Schülertraum? Nicht unbedingt: Digitale Nomaden sind auf dem Vormarsch und erobern die Arbeitswelt. Gut möglich, dass die Coronakrise diesem Lebens- und Arbeitsentwurf jetzt einen weiteren Schub verpasst.

Die Coronakrise hat die Digitalisierung in der Arbeitswelt auch hierzulande beschleunigt. Zudem wurde das Home-Office für einen Großteil der deutschen Arbeitnehmer zum Normalfall – zumindest vorübergehend. Jeder spürt, dass sich da gerade gewaltig etwas tut in unserer Wirtschaft, und dass diese Entwicklungen auf jeden Fall das Potenzial dazu hätten, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern. Die noch offene Frage ist, welche aktuellen Maßnahmen die Krise langfristig überdauern werden. Es bleibt spannend.

Doch mobiles Arbeiten ist ja keine neue Erfindung in der Coronapandemie. Das Arbeiten „von unterwegs“, ohne ein festes Büro, gibt es schon länger. Den Vorreiter machten hier die sogenannten Digitalnomaden, die das ortsunabhängige Geldverdienen in der Online-Branche entdeckt haben.

Digital-Nomaden: Immer unterwegs

Schickes Wort, „Digital-Nomade“ – doch was steckt dahinter?

Als Digitalnomade bezeichnet man einen Selbstständigen, einen Unternehmer oder einen Arbeitnehmer, der ausschließlich mit digitalen Technologien bzw. Hilfsmitteln arbeitet, und der dadurch völlig ortsunabhängig tätig sein kann und das auch tut. Er arbeitet von unterwegs – und ist auch viel auf Reisen.

In der Praxis sind Digitalnomaden ein relativ junges Phänomen. Ende der 1990er-Jahre etablierte sich der Begriff für diese ganz spezielle Berufsspezies. Logisch: Erst mit der Entstehung klassischer Online-Jobs war ein Leben und Arbeiten als Digitalnomade möglich. Einer der großen Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts, der Kanadier Marshall McLuhan, sah jedoch bereits in den 1960er visionär diese Entwicklung voraus. Damals gab es noch kein Internet, doch McLuhan prophezeite, dass die Welt sich zu einem „globalen Dorf“ entwickeln würde, auf der Grundlage einer „elektrischen Vernetzung“.

Ein Digital-Nomade ist also zum Beispiel die Freelancer-Programmiererin, die im Oktober in einem Co-Working-Space in Tokio, im Dezember am Strand von Yucatan und im Frühjahr in der beschaulichen Eifel arbeitet. Oder aber der Online-Texter, der permanent zwischen seinen drei Teilzeit-Wohnorten London, Castrop-Rauxel und Basel hin- und herjettet, und deshalb von überall aus arbeiten können muss.

Digitalnomaden
Bildquelle: www.istockphoto.com / DragonImages

Für wen eignet sich das Leben als Digitalnomade?

Laptop aufschlagen und los geht`s – so sieht im Idealfall dein Arbeitsalltag als Digitalnomade aus. Dank des Internets und moderner Softwarelösungen lässt es sich in vielen Arbeitsfeldern heutzutage tatsächlich ortsunabhängig arbeiten. Obwohl du am anderen Ende der Welt sitzt, bist du trotzdem mit Geschäftspartnern oder Arbeitskollegen vernetzt, kannst sogar an denselben Aufgaben oder in den gleichen Dokumenten arbeiten und bist immer up-to-date. Voraussetzung: Du verfügst über Strom und eine stabile und schnelle Internetverbindung an deinen wechselnden Arbeitsorten und du hast dir die entsprechende Hardware zugelegt.

Bist du der perfekte Digitalnomade? Ganz sicher, wenn du diese Aussagen mit einem kräftigen „Yeah!“ beantworten kannst:

  • Heute hier, morgen dort: Ich muss immer unterwegs sein. Das Reise-Gen trage ich einfach in mir.
  • Bin ich länger als 14 Tage an ein und demselben Ort, wird die Langeweile für mich unerträglich.
  • Schon als Teenie konnte ich es kaum abwarten, von Zuhause auszuziehen und die weite Welt zu entdecken.
  • Ich habe generell kein Problem damit, öfter mal allein zu sein und auch allein zu arbeiten.
  • Selbstorganisation macht mir Spaß.
  • Auf einen direkten Vorgesetzten, der mir ständig über die Schultern schaut, kann ich gut verzichten. Ich bin lieber mein eigener Chef.
  • Spontanität ist mein zweiter Vorname!

Arbeiten von unterwegs: Vorteile …

Natürlich ist es Typsache, ob einem das Arbeiten von unterwegs liegt oder nicht. Hast du dich allerdings in den meisten der obigen Aussagen wiedererkannt, bist du vielleicht ein echter Digitalnomade. Das heißt, du weißt die Vorteile, die dieses Leben mit sich bringt, zu schätzen.

An erster Stelle steht hier sicher die große Unabhängigkeit. Hast du Strom und Internet, ist der Rest flexibel. Du gehst dorthin, wo du möchtest: diese Woche Amsterdam, nächste Woche Istanbul, und anschließend guckst du mal wieder in Thailand vorbei. Wer gerne die Welt bereist, für den ist dieser Zustand ein wahr gewordener Traum. Die Zwänge des Nine-to-Five-Jobs, die die klassischen Büroangestellten so beklagen, kennt ein Mobile-Worker nicht.

Du entscheidest, wo du wann und wie lange leben möchtest. Selbstbestimmung ist dein Kompass. Das Klischee vom Arbeiten unter Palmen kann da ganz schnell sehr real werden. Vergessen darfst du dabei aber nicht, dass du auch Geld verdienen musst. Die Arbeitszeiten lassen sich aber bei den meisten Tätigkeiten der Digitalnomaden auch sehr flexibel gestalten.

Für Digitalnomaden entfallen in der Regel viele Zwänge, denen sich klassische Arbeitnehmer unterwerfen müssen: ein fixes Stundenpensum pro Arbeitstag oder Arbeitswoche, die Pendelei, die Verständigung mit den Arbeitskollegen. Das empfinden einige als echte Befreiung.

Wer von unterwegs arbeitet, kann Geld verdienen und dabei die Welt entdecken. Er kann also reisen, neue Erfahrungen machen, an den schönsten Orten die Landessprachen lernen, in Kulturen eintauchen – kurzum: seinen Horizont extrem erweitern. Permanent.

Viele Digitalnomaden leben auch ihren Traum von Selbstverwirklichung. Das heißt, ihr Job ist nicht nur ein Mittel, um Geld zu verdienen, sondern auch genau die Tätigkeit, die ihnen am meisten Spaß macht.

… und die Kompromisse, die dazugehören

Es gibt jedoch auch eine Kehrseite der Medaille. Denn wer die große Freiheit liebt, ist auch ein Fan von Unabhängigkeit – und geht damit den Deal ein, kaum feste Konstanten in seinem Leben zu haben. Und die geben uns ja ab und an auch durchaus Sicherheit. Der feste Freundeskreis, die Kleinstadt, in der sich alle kennen, die Familie ums Eck – all das hat ein Digitalnomade in der Regel nicht vor seiner Haustür. Will er vielleicht auch gar nicht. Doch manchmal ändern sich im Laufe des Lebens durchaus auch die Wünsche und Bedürfnisse.

Obwohl man also ständig unterwegs ist, ist man in der Regel relativ viel allein. Man hat keine direkten Arbeitskollegen, organisiert sich selbst, und der Alltag in fernen Ländern ist eher von flüchtigen Bekanntschaften als von tiefen Freundschaften geprägt. Mit dieser Einsamkeit muss man klarkommen.

Jeder Freelancer kennt es: Die Auftragslage schwankt oft stark, sei es nach Saisonalität oder aber abhängig von anderen Marktkomponenten. Der Großteil der Digitalnomaden ist selbstständig tätig, und muss deshalb mit einem unsicheren Einkommen kalkulieren. Vor allem, wenn dann sehr wechselhafte Kostenpunkte wie Flüge, Hotelpreise oder kurzfristige Zwischenmieten zu bedienen sind, darf einen das nicht zu schnell nervös werden lassen.

Das klassische Familienleben inklusive Kinder mit einem Digital-Nomaden-Alltag unter einen Hut zu bringen, ist außerdem sehr schwierig. Es ist möglich, verlangt jedoch von allen Familienmitgliedern viel Flexibilität und den Willen, da mitzuziehen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist in bestimmten Lebensphasen ein fester Freundeskreis immens wichtig. Außerdem unterliegen die Kinder der Schulpflicht, womit permanentes Reisen die Familie noch vor ganz andere Herausforderungen stellt.

Wählst du ein Leben als Digitalnomade, der durch die ganze Welt fliegt, darfst du dir über deinen ökologischen Fußabdruck nicht allzu viele Gedanken machen. Denn der wird nicht gerade vorbildlich ausfallen. Pendelst du hingegen regelmäßig zum Arbeiten zwischen deinem Landhaus in Chiemsee-Idylle, verschiedenen Cafés in München und einem Co-Working-Space in Stuttgart, erübrigen sich diese Sorgen wohl eher.

Digital-Nomaden
Bildquelle: www.istockpoto.com / simonapilolla

Jobs on Tour

Du bist neugierig geworden? Hier findest du ein paar klassische Jobs für Digitalnomaden:

Das musst du beachten

Wer sich nicht sicher ist, ob er als Digitalnomade leben will, kann sich zunächst auch einfach eine Auszeit nehmen. Vielleicht gelingt dir das im aktuellen Job über ein Sabbatical, das dir beispielsweise ein halbes Jahr Zeit gibt, dich darauf zu besinnen, was dir wirklich wichtig ist für deine Zukunft. Eventuell probierst du dich auch neu in einer „Digital-Nomaden-Branche“ aus oder absolvierst eine entsprechende Fortbildung.

Oder du wagst zuerst den Schritt in die Selbstständigkeit hierzulande, um zu testen, wie du mit Eigenorganisation usw. zurechtkommst und ob dieses Berufsmodell für dich langfristig infrage kommt.

Vollkommen blauäugig sollte man keinesfalls in das Arbeiten unterwegs starten. Wer noch nie einen Laptop besessen hat, nicht weiß was ein Videocall ist und beim Wort „Traffic“ in erster Linie an Staumeldungen denkt, der sollte sich zuerst noch einmal mit der Onlinewelt beschäftigen. Sei dir auch bewusst, dass du nicht der einzige sein wirst, der mit diesem Geschäftsmodell in einer bestimmten Branche starten will.

Zu viele Gedanken in punkto Sicherheit darfst du dir jedoch auch nicht machen. Tust du das, ist es ein eindeutiges Zeichen dafür, dass du kein geborener Digitalnomade bist.

Bei einem Thema hört der Spaß jedoch auf: Das ist die Krankenversicherung. Sie ist überlebenswichtig und muss geregelt sein, willst du keine unschönen Überraschungen im Ausland erleben. Als Freelancer bzw. Selbstständiger wirst du in der Regel privatversichert sein. Für die verschiedensten Lebens- und Arbeitsmodelle gibt es hier (auch internationale) Versicherungsanbieter und Tarife. Das ist davon abhängig, in welchem Land du gemeldet bist und wie viel Zeit im Jahr du tatsächlich im Ausland unterwegs bist.

Ein Tipp: Möchtest du zum Beispiel eine Langzeit-Auslandskrankenversicherung bei einer deutschen Versicherung abschließen, solltest du noch in Deutschland gemeldet sein. Lass dich hier auf jeden Fall gut beraten, bevor du loslegst.

Fazit

Online Geld verdienen, ortsunabhängig arbeiten, andere Menschen kennenlernen, reisen und frei sein: All das kann man als Digitalnomade. Man muss dafür ein relativ gering ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und einen großen Freiheitsdrang mitbringen. Außerdem sollte man sich in der Online-Welt zuhause fühlen und idealerweise einen digitalen Beruf erlernt haben. Realistische Vorstellungen vom Arbeitsalltag und Leben unterwegs helfen dabei, dass der Traum nicht gleich wieder nach kurzer Zeit in großer Desillusionierung endet.


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