Tracht im Beruf: zünftig ins G’schäft

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Ja, ist denn schon Fasching? Das könnte sich so manch einer fragen, der in den Monaten August, September und Oktober in deutschen Städten unterwegs ist und sich ob der vielen Dirndl und Lederhosen, die da flanieren, verwundert die Augen reibt. Doch keinesfalls ist bereits die fünfte Jahreszeit angebrochen. Spätsommer und Frühherbst, das ist Volksfest-Hochsaison und damit auch die Zeit der Tracht. Doch wie viel Tracht ist im Beruf erlaubt?

Tracht liegt im Trend

Egal ob in Bamberg die Sandkerwa, in Stuttgart der Wasen oder in München das Oktoberfest ansteht: Spätestens wenn in deiner Stadt Volksfestzeit ist, wirst auch du dir überlegen, ob du Dirndl oder Lederhose aus dem Schrank holst. Selbst wer das restliche Jahr über strikter Brauchtumsverweigerer ist, kann sich dann dem Trachten-Trend nur schwer entziehen. Denn in den letzten Jahrzehnten hat das Tragen von Tracht ein echtes Revival erlebt. War es in den Achtziger- und Neunzigerjahren für Jugendliche noch undenkbar, in Wadlstrümpfen oder mit Dirndlschürze das Haus zu verlassen, ist heute auch beim Nachwuchs Tracht Pflicht, zumindest wenn mit der Clique das Volksfest besucht werden soll. Und wer vorab noch brav und fleißig zur Arbeit geht, steht dann vor der großen Frage: Mit Tracht in den Beruf bzw. ins Büro – ist das okay?

Was ist Tracht?

Sprechen wir heute von einem Trachten-Outfit, meinen wir in der Regel die klassische oberbayerische Gebirgstracht. Der Mann trägt eine Lederhose, die Frau ein „Dirndlgwand“. Generell ist der Trachtenbegriff aber eigentlich viel weiter gefasst: Denn neben den Volkstrachten, zu denen die oberbayerische Gebirgstracht zählt, fallen hierunter auch Amtstracht oder Ornat, Berufstracht bzw. Berufskleidung oder ein Habit bzw. eine Ordenstracht. Auch einige Zünfte haben eigene Trachten, wie beispielsweise die Zimmererleute.

Auch Volkstrachten gibt es in Deutschland unzählige. Interessant: Oftmals reicht die Tradition der jeweiligen Tracht gar nicht so extrem weit zurück. Viele Trachten entstanden erst um Mitte des 19. Jahrhunderts. Gerade in sehr ländlich geprägten Gebieten ist mit der Tracht jedoch absolut nicht zu spaßen: Nicht selten haben Brauchtumsvereine detaillierte Statuten, in denen exakt die Saumlänge, Muster und Art des zu verwendenden Stoffs sowie der zu tragende Schmuck vorgegeben sind (Quelle). Zückst du da das falsche Paar Schuhe zum Dirndlgwand, bist du schnell raus aus der Trachtengruppe. Modediktat wird hier noch wirklich gelebt. Das hat natürlich auch einen guten Grund: Die Brauchtumsvereine haben es sich ja zum Ziel gesetzt, Traditionelles und Originäres zu bewahren. Jeglicher Ansatz von modischer Individualität wirkt hier eher destruktiv.

Männliche Bedienung in Tracht; Biergarten

Bildquelle: www.istockphoto.com / kzenon

Tracht als Berufskleidung

Wer sich heute jedoch einfach nur mit einem schicken Dirndl ausstatten will, um fesch auf die Wiesn zu gehen, der muss sich nicht erst zig Brauchtumsvorschriften durchlesen. Modisch erlaubt ist hier, was gefällt – auch wenn das wiederum einigen Trachtenvereinen ganz und gar nicht gefallen mag.

Anders sieht es allerdings aus, wenn bei dir Tracht im Beruf Vorschrift ist. Sprich dein Arbeitgeber verlangt von dir, dass du in einer bestimmten Trachtenmode am Arbeitsplatz zu erscheinen hast. Das kann vor allem in der Gastronomie, aber auch im Handwerk oder in der Tourismusbranche der Fall sein. Dich entlastet das einerseits natürlich: Gedanken über deine Arbeitskleidung bzw. Büromode gehören damit der Vergangenheit an. Dein passendes Dirndl oder die richtig sitzende Lederhose bekommst du in der Regel von deinem Arbeitgeber gestellt. So ist es zum Beispiel in vielen Traditionsgaststätten üblich, dass das Servicepersonal einheitlich in Tracht gekleidet arbeitet. Eins ist jedoch immer wichtig: Du solltest dich in der Tracht wohlfühlen und gut bewegen können. Schließlich musst du in diesem Kleidungsstück deiner Arbeit nachgehen können. Aus den gewünschten Haferlschuhen können dann schon auch einmal bequeme weiße Sneaker werden, wenn die Füße der Bedienung sonst zu früh schlapp machen würden.

Wie viel Tracht verträgt dein Job?

Möchtest du aber nur an einigen Tagen im Jahr ein Dirndl tragen, und dann bitte auch genau das, das du dir ausgesucht hast? Dann ist das durchaus auch in vielen Jobs möglich. Gerade zur Oktoberfest- bzw. Volkfestzeit ist es üblich, dass ganze Abteilungen in Tracht am Arbeitsplatz erscheinen. Arbeitest du in einem Büro mit wenig Kundenkontakt, stellt das sowieso kein Problem dar. Doch auch falls Geschäftstermine anstehen, muss ein Dirndl nicht zwangsläufig deplatziert sein. Je nach Ausführung gibt es auch sehr festliche Modelle, mit denen man auf jeden Fall gut angezogen ist. Selbstverständlich sollten die Tiefe des Ausschnitts und die Rocksaumlänge bei deinem Gegenüber nicht zu Herzrasen führen. Zu viele Einblicke diesbezüglich sind im Berufsleben einfach tabu, Volksfestzeit hin oder her. Generell sollte man die Regeln für Businessmode einhalten.

Pauschal kann man sagen: In fast allen Jobs, in denen du dich so kleiden darfst, wie du willst, kannst du auch in einem ordentlichen Dirndl erscheinen. Schließlich gibt es auch bei der Dirndlmode die Möglichkeit, die lockere Freizeit-Ausführung (wie beispielsweise eine Baumwollvariante) oder ein elegantes Modell (zum Beispiel in Satin) zu wählen.

Etwas problematischer wird es bei den Herren der Schöpfung. Eine Lederhose wirkt doch etwas leger, und ob sie bei einem wichtigen Finanz- oder Geschäftsführungstermin das passende Kleidungsstück ist, sei dahingestellt. Generell kommt es natürlich immer auf deine Gesprächspartner an. Und deren Reaktion ist vermutlich schwer vorherzusehen: So kann es durchaus sein, dass die japanische Firmendelegation sehr angetan ist, wenn ihnen die bayerischen Kollegen in Trachtenmode gegenübersitzen. Da spielt der Exotenbonus eine Rolle. Andererseits könnten es einige Geschäftspartner auch schlicht und ergreifend als unseriös empfinden, wenn ihnen zwischen kurzer Lederhose und wollenem Wadlstrumpf behaarte Männerbeine entgegenblitzen.

Tracht im Beruf: Dirndltrends 2019

Doch was ist angesagt zur Volkfest-Saison 2019? Bei den Dirndln lässt sich eindeutig ein Trend in Richtung mehr Qualität, mehr Stoff feststellen. Viele Kleider sind hochgeschlossen und lassen sich komplett ohne Bluse tragen. Aber auch hochgeschlossene Blusen, mit oder ohne Spitze, erobern den Markt und werden zu klassischen runden oder eckigen Ausschnitten getragen. Diese Mode lässt sich perfekt mit der Büromode kombinieren. Gerade ein „seriöses“ Dirndl mit wenig Ausschnitt passt schließlich in die Arbeitswelt. Auch die aktuell angesagte Rocklänge spielt dir hier in die Karten: Im Trend liegen vor allem lange Röcke, die ungefähr auf Mitte der Wade enden, oder aber Midi-Dirndl, deren Rocksaum auf Kniehöhe oder knapp darunter endet. Alles absolut bürotauglich; damit kann es direkt aus dem Meeting auf das Oktoberfest gehen.

Frau in Dirndl; Tracht

Bildquelle: www.istockphoto.com / mheim3011

Was die Farben angeht, so lassen sich dieses Jahr zwei Trends ausmachen: Zum einen werden immer noch Pastellfarben gern gewählt, zum anderen dominieren aber auch kräftige, satte Herbsttöne wie Bordeauxrot, Brombeer oder Oliv. Bei den Stoffen lässt sich vor allem ein Gewinner ausmachen: Samt ist wieder im Kommen, gerne als Oberteil bei Dirndlkleidern.

Kostenpunkt: Wer sich für ein klassisches, qualitativ hochwertiges Dirndl entscheidet, muss mit einem Preis ab ca. 300 Euro aufwärts rechnen.

Lederhosen-Mode

Generell unterliegt die Trachtenmode der Männer nicht so vielen modischen Einflüssen wie die der Frauen. Eine solide Lederhose aus wertigem Hirschleder wird – so der Klassiker – von Generation zu Generation weitervererbt. Sie ist äußerst robust und wirkt auch erst wirklich authentisch, wenn man ihr ansieht, dass sie bereits einige Volksfeste hinter sich hat. Ob lang oder kurz, das ist sicherlich Geschmackssache, aber sollte auch nach praktischen Gesichtspunkten entschieden werden. Wer sich für eine kurze Variante entscheidet, muss dazu farblich passende Wadlstrümpfe aus Wolle wählen.

Kurze Lederhosen; Tracht

Bildquelle: www.istockphoto.com / Mariha-kitchen

Dazu kombiniert Mann ganz traditionell ein schlichtes, weißes oder naturfarbenes Leinenhemd mit Stehkragen – das „Pfoad“. Viele tragen jedoch auch rot oder blau karierte Hemden zur Lederhose. Wer es schlicht mag, wirft sich zusätzlich eine Strickjacke über – und fertig. Natürlich gibt es aber auch passende Trachtenwesten oder -jacken zu kaufen. Eine hochwertige, kurze Lederhose aus Hirschleder bekommt man ab ca. 300 Euro.

Fazit

Schlussendlich kann man sagen, dass sich Tracht durchaus mit Beruf bzw. Büro vereinbaren lässt. Allerdings sollte man die gängigen Dresscodes fürs Arbeitsleben nicht außer Acht lassen. Dann kann man ganz entspannt morgens auch zur traditionellen Tracht greifen, ohne befürchten zu müssen, den ganzen Tag zum Spottobjekt der Kollegen zu werden. Und einen unschlagbaren Vorteil hast du auf jeden Fall, wenn du bereits in der Lederhose oder mit Dirndl-Mieder am Laptop im Büro sitzt: Du bist nach Arbeitsschluss sicher der oder die Erste auf der Bierbank!

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