Kopftuch am Arbeitsplatz – wie viel Toleranz muss sein?

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In so manch wichtigem Arbeitsbereich in Deutschland werden Muslimas, die ihre Religion nach außen sichtbar machen, nach wie vor nicht toleriert: Deshalb gibt es in den meisten Bundesländern keine kopftuchtragenden Lehrerinnen. In Bayern herrscht ein Kopftuchverbot für Richterinnen. Und eine Polizistin mit diesem religiösen Symbol wäre hierzulande undenkbar. Wie diese kurze Liste mit Berufen zeigt, sind großflächige religiöse Symbole vor allem dann fehl am Platz, wenn es bei dem jeweiligen Beruf im Wesentlichen auf Neutralität ankommt. Doch auch in anderen Branchen gibt es Benachteiligungen: Wenn der Kundenkontakt im Zentrum steht und der Mitarbeiter als Aushängeschild fungieren soll, haben viele Arbeitgeber in Deutschland immer noch ein Problem damit, eine Muslima mit Kopftuch für die Position auszuwählen.

Zeugt das Kopftuch von mangelndem Integrationswillen?

In den Köpfen vieler Menschen impliziert das Tragen eines Kopftuchs mangelnde Integrationsbereitschaft, was dazu führt, dass manche Personen Frauen mit Kopftuch eher aus dem Weg gehen. Außerdem werden Kopftuchträgerinnen häufig schlechte Deutschkenntnisse unterstellt. Folglich kommt es deshalb oft gar nicht zu einem Kontakt zu Einheimischen. Diese Faktoren bewirken tendenziell eine Stagnation der Integration dieser Frauen in unsere Gesellschaft. Arbeitgeber wissen natürlich um diesen Umstand, weshalb es Muslimas bei Bewerbungen generell schwerer haben.

Nachbarländer wie Österreich oder Frankreich haben Gesichtsverhüllungen, wie sie z. B. beim Tragen einer Burka der Fall sind, gesetzlich verboten. In Zeiten der biometrischen Gesichtserkennung besitzt diese Frage nämlich auch Relevanz für die öffentliche Sicherheit. Kritiker eines generellen Kopftuchverbots befürchten, dass diejenigen Muslimas, die von ihren Familien zum Tragen dieser Kleidungsteile gezwungen werden, dann noch stärker abgeschottet werden.

Hintergrundwissen: Der Koran schreibt kein Kopftuch vor

Warum tragen Muslimas eigentlich Kopftücher? Der Koran, die heilige Schrift des Islams, beinhaltet ein Gebot, das Frauen vorschreibt, sich zu bedecken, wenn sie aus dem Haus gehen. Die Verse aus den Suren 24 und 33, auf die sich Verteidiger des Kopftuchzwangs berufen, sind jedoch Auslegungssache, denn es steht dort nicht wörtlich geschrieben, dass Muslimas ein Kopftuch tragen müssen. Der Sinn des Gebots ist, dass Männer nicht unnötig sexuell aufgereizt werden sollen. Doch passt ein solches Denken in unsere heutige Zeit? Ein Artikel des Humanistischen Pressedienstes bringt es treffend auf den Punkt:

„Jede Frau, die das Kopftuch trägt, trägt damit das Patriarchat auf der Schulter, egal ob sie das so meint oder nicht. Sie transportiert dadurch bewusst oder unbewusst ein bestimmtes Frauenbild, das nichts mit Freiheit zu tun hat.“

Solche Muslimas, die mit modernen Kopftuch-Barbies aufgewachsen sind und sich niemals Gedanken über die Hintergründe und Bedeutungen dieses Kleidungsstücks gemacht haben, mögen über Anfeindungen, denen sie ausgesetzt sind, überrascht sein. In unserer Arbeitswelt, in der viel Wert auf eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern gelegt wird, scheinen verhüllte Muslimas kaum Platz zu haben, ist das Kopftuch in den Augen vieler Menschen doch ein Symbol der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.

Fallbeispiel:

Zeynep ist eine Muslima, die ihren Glauben zwar lebt, sich jedoch dazu entschlossen hat, den Koran dahingehend auszulegen, dass Frauen kein Kopftuch tragen müssen. Natürlich wird die Auslegung der selbstbewussten jungen Frau nicht von allen ihren in Deutschland lebenden Landsleuten toleriert, doch will Zeynep genauso modern und emanzipiert sein wie ihre deutschen Freundinnen. Mit dieser Strategie ist Zeynep auch im Beruf erfolgreich und macht eine glänzende Karriere als Rechtsanwältin.

Die Diskriminierung beginnt spätestens im Vorstellungsgespräch

Personaler müssen nicht zwangsläufig ausländerfeindlich sein, um sich bewusst oder unbewusst gegen einen Bewerber mit fremdklingendem Namen zu entscheiden: Wie in diversen Medien berichtet wurde, wird beispielsweise auch der vor allem in den 90ern beliebte Name „Kevin“ mit Verhaltensauffälligkeit und anderen negativen Eigenschaften verbunden. Von Diskriminierung betroffen sein können aber z. B. auch übergewichtige Personen.

Dass Frauen mit Kopftuch bei Bewerbungen definitiv Nachteile haben, zeigt eine Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit. In Rahmen dieser Studie wurden 1.500 Bewerbungen verschickt. Der Erfolg von Bewerbungen mit Kopftuch und türkischem Namen sowie ohne Kopftuch und mit deutschem Namen (bei gleicher Qualifikation) wurden verglichen. Das Resultat: Die Frau ohne Kopftuch erhielt in 19 % der Fälle eine positive Antwort, die Frau mit Kopftuch in 4 % (Quelle: gansel-rechtsanwaelte.de).

Die entsprechende rechtliche Grundlage sieht jedoch eine andere Realität vor: Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist geregelt, dass man beispielsweise nicht aufgrund seiner Nationalität oder seiner Religion benachteiligt werden darf.

Praxisbeispiel:

Die Studentin Sarah arbeitet als kaufmännische Hilfskraft für einen Franchisenehmer einer Modekette, der sich in einem größeren Komplex ein kleines Büro angemietet hat. Ihr Chef genießt die Gesellschaft der Studentin, unterhält sich gern mit ihr und erzählt ihr auch gern, was ihm durch den Kopf geht: Eines Tages gehört es zu seinen Aufgaben, Bewerbungen zu sichten. Er gesteht, Bewerbungen von Personen mit fremdländisch klingenden Namen oder von Bewerberinnen mit Kopftuch auf Anhieb auszusortieren. Sarah findet das nicht richtig, traut sich allerdings nicht, ihren Chef darauf hinzuweisen.

Abgelehnt wegen Kopftuch – was Betroffene tun können

  • Wurdest du aufgrund deines Kopftuches für eine bestimmte Stelle abgelehnt? In diesem Fall kannst du dich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Diese kann dir dabei helfen, für den jeweiligen Job doch noch eine Zusage zu erhalten.
  • Sei von Beginn an ehrlich zu dem potenziellen Arbeitgeber. Wenn du nicht beabsichtigst, das Kopftuch abzulegen, dann platziere ein entsprechendes Foto in deinem Lebenslauf. Kommuniziere auch im Bewerbungsgespräch auf Nachfrage, dass du das Kopftuch aufbehalten möchtest.
Kopftuch tragen im Berufsleben

Bildquelle: www.istockphoto.com / monkeybusinessimages

Darf der Arbeitgeber das Tragen eines Kopftuchs verbieten?

Laut Information der Antidiskriminierungsstelle darf er das nicht, da jeder Mensch auch am Arbeitsplatz das Recht hat, seine Religion frei auszuleben. Von dieser Regelung gibt es jedoch Ausnahmen:

  • Liegt ein sachlicher Grund vor, stellt das Tragen eines Kopftuchs also eine Gefahrenquelle während der Arbeit dar, kann der Arbeitgeber durchaus von der Mitarbeiterin verlangen, das Kopftuch in der Arbeitszeit nicht zu tragen.
  • In Arbeitsbereichen mit bestimmten Hygienevorschriften sind Kopftücher im Übrigen kein Problem, solange bestimmte Vorkehrungen eingehalten werden. Beispielsweise gibt es Einwegkopftücher für Krankenschwestern.
  • Im Jahr 2017 wurde von dem Europäischen Gerichtshof entschieden, dass Arbeitnehmern mit Kundenkontakt das Tragen beispielsweise religiöser Symbole während der Arbeitszeit untersagt werden kann.

Fallbeispiel:

Ilayda liebt Mode über alles. Aufgrund dieser Tatsache will sie nach ihrem Realschulabschluss (Abschlussnote: 1,3) eine Berufsausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel in einem Modegeschäft absolvieren. Die gutaussehende 16-Jährige trägt auf ihrem Bewerbungsfoto ein Kopftuch. Nachdem sie von ihrem Traum-Arbeitgeber auch nach längerer Zeit noch keine Antwort erhalten hat, versucht sie es bei unterschiedlichen anderen Modegeschäften. Der Erfolg bleibt jedoch aus. Schließlich macht sich Ilayda im Internet schlau und liest von der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 2017. Ilayda spricht mit ihrer Familie über das Thema. Da sie unbedingt Kauffrau im Einzelhandel werden möchte, entscheidet sie sich dazu, ein Bewerbungsfoto ohne Kopftuch erstellen zu lassen.

Mitarbeiterinnen mit Kopftuch als potenzielle Chance für Betriebe

Das Potenzial, das in vielen kopftuchtragenden Muslimas schlummert, darf auf keinen Fall gänzlich ignoriert werden. Besonders Betriebe in Gegenden, in denen viele Muslime wohnen, können von der Einstellung einer kopftuchtragenden Mitarbeiterin profitieren. Beispielsweise in einer Bank, in einer Rechtsanwaltskanzlei oder in einer Apotheke können diese Personen nämlich auf eine bestimmte Klientel (nämlich Personen mit demselben Glauben) besonders vertrauenserweckend wirken und sich mit diesen darüber hinaus auch in der Muttersprache verständigen. Der jeweilige Betrieb kann durch die Einstellung solcher Mitarbeiterinnen neue Kunden gewinnen und gleichzeitig etwas für das eigene Image als Arbeitgeber tun: Wer eigenen Arbeitnehmerinnen das Tragen von Kopftüchern gestattet, signalisiert damit: „Wir sind weltoffen und tolerant.“

Fazit: Als Bewerberin Prioritäten setzen

In unserer Arbeitswelt ist die Unterdrückung der Frau „out“: Es gibt Frauenquoten und Elterngeld, und Deutschland wird von einer Frau regiert. Beim Thema Kopftuch sind sich Menschen mit unterschiedlichen Idealen einig: Konservative wünschen sich ein Kopftuchverbot an Grundschulen, und Feministinnen sind aus wieder anderen Gründen gegen das Kleidungsstück.

Eine weitere Sache, die in unserem Breitengrad zunehmend kritisch gesehen wird, ist das Thema Religiosität. Wenn eine Person ihren Glauben über ihre anderen Lebensideale und -ziele stellt, so wirkt das auf viele Menschen befremdlich. Von dieser Problematik sind katholische Pfarrer oder Nonnen, die sich freiwillig einem Zölibat unterstellen, genauso betroffen wie eben Muslimas, die sich verhüllen.

Zahlreiche Anhängerinnen des Korans machen es vor: Sie entscheiden sich zugunsten ihrer Chancengleichheit in der Karriere gegen das Kopftuch und brechen dafür notfalls den Kontakt zu ihren kopftuchfordernden Familien ab. Du als Muslima musst also für dich selbst die Frage beantworten: „Was ist mir wichtiger, mein Glaube oder ein bestimmtes Berufsziel?“

Quellen:

antidiskriminierungsstelle.de

gansel-rechtsanwaelte.de

deutsche-islam-konferenz.de

hcm-magazin.de

hpd.de

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