EM 2016: Die besten Kollegen Europas

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Nichts geht über gute Kollegen. Was wie eine Binsenweisheit aus dem Kosmos der Arbeitswelt klingt, dürfte für Cristiano Ronaldo gestern zur lebenserklärenden Erkenntnis seines ganz persönlichen Abends in Paris Saint-Denis geworden sein.
Der portugiesische Superstar, sonst in Diensten von Real Madrid, war es bis dato gewohnt, die Spiele für sein Land im Alleingang zu gewinnen. Wie wertvoll Arbeitskollegen tatsächlich sein können, zeigte sich gestern Abend beim lange erwarteten Finale der EURO 2016 in der französischen Hauptstadt.
Begonnen hatte das Spiel mit einer Inszenierung, die man eher auf dem Schützenfest in Bottrop als vor einem Endspiel eines der größten denkbaren Fußballturniere erwartet hätte. Erst mit dem Abspielen der Nationalhymnen bekam das Spiel dann den Rahmen, den es verdient hatte. Laut und inbrünstig von den Kollegen der Spieler auf den Rängen mitgesungen, ging es kämpferisch und beherzt in eine Partie, die im Anschluss leider nicht das hielt, was sie im Vorfeld versprochen hatte.
Der unwiderrufliche Höhepunkt der regulären Spielzeit war keine besonders kunstvolle Kombination oder ein denkwürdiger Treffer – der Höhepunkt war ein Foul des Franzosen Dimitri Payet, der sein Knie in das von Cristiano Ronaldo rammte und so für ein Drama sondergleichen sorgte. Schmerzverzerrt lag der portugiesische Kapitän auf französischem Boden und ahnte wohl schon in dem Moment „Es ist vorbei!“. Und das war es auch. Denn trotz mehrmaligen Versuchen, vielleicht doch noch weiterspielen zu können, verließ er nach 25 Minuten unter Tränen das Spielfeld. Die Ausgangslage für die restliche Spielzeit schien somit klar: Ohne seine ultimative Führungskraft würde Portugal chancenlos sein. Schließlich ging es ja nicht gegen irgendwen, sondern gegen den Gastgeber, der bei diesem Turnier nicht nur den Weltmeister Deutschland, sondern gleich noch ein ganzes Boot Wikinger nach Hause geschickt hatte.
Selten zuvor war Cristiano Ronaldo so abhängig von der Arbeitsleistung seiner Kollegen gewesen. Er selbst musste von nun an mit ansehen, wie andere den Job machten, der doch eigentlich für ihn bestimmt schien: den EM-Titel nach Portugal holen.
Und es zeigte sich: Cristiano Ronaldo hat offenbar richtig gute Leute in seinem Team. Vielleicht hatte er das einfach vergessen – wie sonst wären seine hemmungslos rollenden Tränen zu erklären gewesen. Portugal warf alles in die Waagschale: Herz, Leidenschaft und einen unbändigen Teamgeist. Zwar waren es die Franzosen, die in den regulären 90 Minuten die deutlich besseren Torchancen besaßen, doch am Ende stand es immer noch 0:0 – ein Ergebnis, das offenbar nicht einmal Ronaldo für möglich gehalten hatte, kam er doch erst zu Beginn der Verlängerung wieder auf den Platz. Hier feuerte er – immer noch unter Tränen – sein Team an, führte Einzelgespräche und motivierte, wo er nur konnte. Wahrscheinlich wurde Portugals Anführer, erst in diesem Moment, wo er der Leistung seines Teams auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, wirklich zum Kapitän einer Mannschaft, die nun in der Verlängerung deutlich zulegte. Zunächst blieb die Mannschaft noch im Pech, als Linksverteidiger Guerreiro mit seinem Freistoß, den sonst wohl Ronaldo höchstpersönlich über das Tor geschossen hätte, knapp an der Latte scheiterte. Doch in der 109. Minute war es dann so weit. Der erst kurz zuvor eingewechselte Eder war es, der den Job tat, den es an diesem Abend eben zu tun galt. Mit einem Fernschuss von der Sechszehnmeter-Kante vollendete er direkt in die französischen Maschen. Die Folge: ein Tränenmeer. Die Portugiesen vergossen Freudentränen, die Franzosen bittere Tränen der Enttäuschung.
Portugal ist Europameister – der größte Erfolg in der Sportgeschichte dieses kleinen Landes, das noch 2004 im eigenen Land mit dem 19-jährigen Ronaldo im Finale gegen Griechenland gescheitert war.
Cristiano Ronaldo konnte sein Glück indes nicht fassen. Völlig aufgelöst umarmte er am Spielfeldrand jeden, der nicht schnell genug weg laufen konnte. Sein Traum von einem Titel für sein Land war Wirklichkeit geworden. Seine Kollegen hatten ihm diesen Traum erfüllt. Im Freudentaumel streiften sie ihm noch auf dem Spielfeld die Kapitänsbinde über den Arm, damit er den Pokal als Erster in die Pariser Nacht stemmen konnte, was er voller Inbrunst tat. Wer ihm dabei zusah, schien zu ahnen, was er dabei dachte: Es geht eben nichts über gute Kollegen.

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