Die Angst vorm freien Reden: Was hilft gegen Logophobie?

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Redeangst oder Nervosität vor Referaten, einer Rede oder Vorträgen kennen die meisten Personen. Wenn man normalerweise nicht im Rampenlicht steht, sorgen solche außergewöhnlichen Situationen zu Recht für Aufregung. Schließlich ist man an die Rolle des Redners nicht gewöhnt. Handelt es sich jedoch um eine ernsthafte Logophobie, haben die Betroffenen auch in weniger bedrohlichen Situationen Angst vorm Sprechen: beim Besuch des Bäckers, beim Bestellen im Restaurant oder während eines ganz normalen Gesprächs mit einem Arbeitskollegen.

Auch wenn Redeangst und Logophobie häufig voneinander abgegrenzt werden, ist dem Betroffenen in der Praxis nicht immer klar, welches Problem bei ihm vorliegt. Wahrscheinlich deshalb, weil die Grenzen zwischen diesen beiden Problemen fließend sein können, werden beide Ausdrücke auch synonym verwendet, so auch in diesem Artikel.

Logophobie – eine anerkannte Krankheit

Wer an einer Logophobie leidet, spürt häufig, dass er an einer psychischen Erkrankung leidet, also an einem Problem, das weit über ein normales Lampenfieber hinausreicht. Logophobie ist die krankhafte Angst davor, zu sprechen. Sie kann eigenständig oder auch in Begleitung eines Stotterns oder Mutismus auftreten. Letzteres bezeichnet eine Kommunikationsstörung: Zwar sind die Personen grundsätzlich dazu in der Lage, zu sprechen, tun dies aber beispielsweise aus Gründen einer sozialen Angst nicht.

Wie entsteht Redeangst?

Ursache von Redeangst kann beispielsweise ein negatives, vielleicht sogar traumatisches Erlebnis sein:

Beispiel 1: Während der Semesterferien ist Julia darauf angewiesen, zu jobben. Von einer Zeitarbeitsfirma wird ihr eine Vertretungsstelle als Telefonistin vermittelt. Zunächst absolvieren die angehenden Telefonisten einen dreitätigen Kurs, in dem sie lernen, wie man sich während der Telefonate verhält. Trotz dieser Vorbereitungsmaßnahme ist der erste Arbeitstag als Telefonistin der blanke Horror für Julia: Sie ist die erste, deren Telefon klingelt, und auf Anhieb fühlt sie sich unfähig, zu sprechen. Julia bricht den Job umgehend ab. Aufgrund dieser für Julia traumatisierenden Erfahrung entwickelt sie eine ernsthafte Redeangst, die sich auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen ausbreitet.

Auch ein schlecht ausgeprägtes Selbstwertgefühl kann sich u. a. in einer Redeangst äußern: Hat man beispielsweise von sich selbst die Meinung, fachlich nicht besonders gut zu sein oder fühlt sich im Vergleich zu den anderen Personen (Mitschüler, Kommilitonen oder Kollegen) aus irgendwelchen Gründen minderwertig, so kann dies dazu beitragen, dass man eine Angst vor dem Sprechen entwickelt.

Beispiel 2: Thomas hat BWL studiert und musste bereits in seinem Studium mehr pauken als seine Freunde, um dieselben Noten zu erzielen. Nicht nur von seiner fachlichen Qualifikation hat Thomas als Absolvent ein schlechtes Bild: Auch sein eigenes Gesicht mag er nicht. Diese beiden Gründe tragen in seinem Berufsleben dazu bei, dass er starke Hemmungen davor hat, zu sprechen.

Wie kann man Redeangst überwinden?

Üben, üben, üben

Dass jeder einmal ein Anfänger ist, zeigt das Beispiel der Professoren: Beim sogenannten „Vorsingen“, also dem Probevortrag eines angehenden Professors, sind die Kandidaten, die ihren Vortrag halten müssen, in der Regel nervös. Die „alten Hasen“ unter den Dozenten jedoch sind so sehr an ihre Rolle des Vortragenden gewöhnt, dass kaum mehr Aufregung aufkommt. Manche von ihnen mögen bis heute unter leichter Nervosität leiden, doch wirken sie äußerlich so gelassen, dass niemand auf diese Idee kommen könnte.

Allein das Beispiel der Professoren zeigt, dass freies Reden eine Sache der Übung ist. Je regelmäßiger du Situationen erlebst, in denen du als Alleinredner dastehst, desto gewöhnlicher wird dies für dich. Dies gilt jedoch nicht nur für die Situationen, in denen du im Rampenlicht stehst: Auch alltägliche Gelegenheiten, in denen du sprechen musst, wirst du leichter bewältigen können, je mehr du insgesamt redest.

Das heißt im Umkehrschluss: Für deine Redeangst ist es eher schlecht, wenn du deine Freizeit am liebsten alleine verbringst.

Die Ursache der Redeangst hinterfragen und entsprechend entgegenwirken

Doch ist auch zu berücksichtigen, dass private Vielredner nicht automatisch berufliche Vielredner sind: Entscheidend ist, welcher Grund hinter der Redeangst steckt: Ist es ein Zweifel an der eigenen Kompetenz, sollten statt eines allgemeinen Redetrainings besser gezielte Fortbildungsmaßnahmen erfolgen. Solche können beispielsweise auch anhand der Lektüre geeigneter Bücher oder Websites absolviert werden.

Wenn das Mehr-Reden und Ausgleichen fachlicher Schwächen nicht hilft

Manche Menschen leben mit ihrer Redeangst, und ihre Umgebung wie etwa der Arbeitsplatz oder die Kommilitonen in der Uni gewöhnen sich daran, dass die Person kein besonders toller Redner ist. In schwerwiegenderen Fällen jedoch kommt es zusätzlich zur Redeangst zu einer Vermeidungsangst: Die Logophobie ist so stark ausgeprägt, dass jemand beispielsweise nicht dazu in der Lage ist, sein Studium abzuschließen, oder dass jemand seinen Job kündigt aus Angst vor Situationen, in denen geredet werden muss.

Beispiel 2: Aufgrund seines künstlerischen Talents und Interesses entschließt sich Tobias für ein Studium der Kunstgeschichte. Bereits während der Schulzeit litt er an starker Nervosität während Referaten. An der Universität stellt Tobias fest, dass viele Kommilitonen besser sind als er. Seine Redeangst verschlimmert sich, und die vielen Seminare, die sich aus einzelnen Referaten der Seminarteilnehmer zusammensetzen, sind für ihn die Hölle. Vor einem Referat in einem Hauptseminar bekommt Tobias regelrecht panische Angst. Schließlich steht die mündliche Abschlussprüfung vor der Tür, und Tobias‘ Angst wird so schlimm, dass er das Studium abbricht.

Behandlung mit kognitiver Verhaltenstherapie

In schwerwiegenden Fällen der Redeangst kann eine kognitive Verhaltenstherapie hilfreich sein. In deren Rahmen wird an konkreten Problemen gearbeitet. Beispielsweise werden die Minderwertigkeitskomplexe einer Person und deren Ursachen genauer unter die Lupe genommen. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird versucht, Lösungen zu finden, um die Beschwerden zu lindern oder zu beheben. Während eine Psychotherapie lange Zeit dauern kann, sind mit Hypnose kurzfristigere Effekte möglich:

Behandlung mit Hypnose

Durch Hypnose wird ein veränderter Bewusstseinszustand hervorgerufen: die hypnotische Trance. Eine Hypnosesitzung dauert zwischen 20 und 50 Minuten (Quelle). Die Websites von Hypnosepraxen versprechen tolle Erfolge bei einer Behandlung von Redeangst bzw. Logophobie mit Hypnose, und auch „schulmedizinisch“ orientierte Quellen wie beispielsweise das Ärzteblatt bestätigen die Wirksamkeit der Hypnotherapie u. a. bei Ängsten.

Redeangst ist weit verbreitet

Bildquelle: www.istockphoto.com / ia_64

Noch ein paar gute Tipps

Gute Vorbereitung der zu präsentierenden Inhalte hilft gegen Redeangst

Welche Fragen könnten die Zuhörer meines Vortrags stellen? Ergeben sich bestimmte angrenzende Themen? Je besser man sich auf die Situation, in der geredet werden soll, vorbereitet, desto schwächer ausgeprägt ist die Angst vor dem Reden häufig in dem entscheidenden Moment. Sinnvoll ist zudem, sich wichtige Stichwörter und Fachbegriffe auf einem Zettel zu notieren. So kann die Furcht vor einem Blackout gemindert werden.

Die eigenen Gedanken hinterfragen: Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Was genau geht im Gehirn vor, wenn jemand an Redeangst leidet? Wer sich vor dem Sprechen fürchtet, der hat häufig konkret vor den folgenden Szenarien Angst:

  • Blackout: Was ist, wenn ich alles, was ich sagen wollte, auf einmal vergesse? Was wird geschehen, wenn ich wichtige fachliche Zusammenhänge plötzlich nicht mehr begreife?
  • Verlust der Konzentration: Was ist, wenn mir ein fachlicher oder sprachlicher Fehler nach dem anderen passiert?
  • Erröten: Wie peinlich wäre es, wenn ich beim Sprechen bis über beide Wangen erröten würde!
  • Stottern: Was passiert, wenn ich im Meeting auf einmal anfange zu stottern?
  • Verhaspeln und Versprechen: Es wäre so furchtbar, wenn ich die Reihenfolge der Wörter vertauschen würde. Oder noch schlimmer: wenn mir statt der korrekten Ausdrücke irgendwelche peinlichen Wörter herausrutschen würden!
  • und last but not least: Enttäuschung der Zuhörer: Mir kommt die Idee, die ich äußern möchte, gut vor, doch was ist, wenn die Leute eine andere Meinung haben?

Welche der oben genannten Gedanken kommen dir bekannt vor? Oder könntest du die Liste noch weiter ergänzen?

Progressive Muskelentspannung

Ein sinnvoller Ansatz bei Logophobie ist die bekannte Progressive Muskelentspannung.

Diese Methode kommt nicht nur bei diversen Angststörungen erfolgreich zur Anwendung, sondern eignet sich beispielsweise auch zur Behandlung chronischer Kopfschmerzen.

Die Logik dahinter: Bei Emotionen der Unruhe erhöht sich die Muskelanspannung, und umgekehrt kann Angst reduziert werden, wenn die Muskelanspannung gezielt verringert wird (Quelle). Die heilsamen Entspannungsübungen können in nur wenigen Stunden erlernt werden.

Wenn eine Angststörung hinter der Redeangst steckt

Ist der eigentliche Grund für die Redeangst beispielsweise eine soziale Phobie, so kann überlegt werden, ob es Sinn machen könnte, ein entsprechendes Medikament einzusetzen: In diesem Fall würde ein Arzt Selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI/SNRI) verschreiben. Doch sollte berücksichtigt werden, dass solche Medikamente starke Nebenwirkungen verursachen können, deren Belastungen möglicherweise den Nutzen der Wirkung überwiegt: Denn leidet ein Patient infolge der Medikamenteneinnahme unter Konzentrationsschwierigkeiten und einer massiven Gewichtszunahme, kommen weitere Probleme hinzu, die ihrerseits wieder einer Behandlung bedürfen: schlechtere Arbeitsleistung, Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren…

Zusammenfassung

Redeangst kann vielerlei Ursachen haben: Bei manchen Menschen begründet sie sich auf traumatischen Erfahrungen. Andere Personen wiederum leiden an einem mangelnden Selbstwertgefühl, das auf negativen Erfahrungen oder auch tatsächlichen fachlichen oder persönlichen Defiziten basieren kann. Wieder andere Betroffene leiden an einer anderen Grunderkrankung wie beispielsweise einer Sozialen Phobie, die als Folge auch eine Redeangst mit sich bringen kann.

Bei der Behandlung der Logophobie können unterschiedliche Ansätze zur Anwendung kommen: Eine Psychotherapie kann dabei helfen, die eigentlichen Ursachen herauszufinden. Zusätzlich kann ein Medikament oder ein Entspannungsverfahren dazu beitragen, dass die Angst vor dem Reden gemildert wird oder sogar gänzlich verschwindet. In leichteren Fällen kann man sich auch selbst auf die Suche nach den Gründen für die Phobie begeben und durch viel Übung und vielleicht auch durch Kompensation fachlicher Schwächen dazu beitragen, dass das Reden nicht mehr mit derart ausgeprägten Ängsten verbunden ist.

Logophobie ist sehr verbreitet: Unterschiedliche Quellen besagen, dass ca. 40 Prozent der Bevölkerung an einer Redeangst leiden. Es handelt sich also um keine Erkrankung, mit der man alleine dasteht. Dennoch verkündet wohl kaum jemand beispielsweise während eines Vortrags, an Redeangst zu leiden, da psychischen Erkrankungen wie der Logophobie ein Stigma anhaftet. Da fällt es manch einem leichter, auf das eigene „Lampenfieber“ hinzuweisen.

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