Autisten in der Arbeitswelt – Chancen und Herausforderungen

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Etwas stimmt mit diesem Bewerber nicht, geht es dem Personaler im Vorstellungsgespräch durch den Kopf. Bereits bei der Begrüßung hatte er den Händedruck verwehrt und jetzt sieht er ihm kaum in die Augen. Ganz schön unhöflich für jemanden, der gerade für einen Job vorspricht. Zudem sind die Antworten des Kandidaten seltsam unpassend und irgendwie scheint es so, als würde er von einem völlig anderen Planeten stammen. Sein Verhalten könnte ihm schnell als Charakterschwäche unterstellt werden, was jedoch ein viel zu schnelles Urteil wäre. Denn tatsächlich kann der Mann nichts dafür: Er ist autistisch. 

Was ist Autismus?

Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als tiefgreifende Entwicklungsstörung bezeichnet. Sie beginnt meist bereits im Kindesalter und weist unterschiedliche Ausprägungen auf. Dazu gehören:

  • Frühkindlicher Autismus: Diese Ausprägung zeigt sich bereits bei Kindern unter drei Jahren, beispielsweise durch eine verzögerte Sprachentwicklung oder ein auffälliges Sozialverhalten. 
  • Atypischer Autismus: Der atypische Autismus gleicht dem frühkindlichen Autismus, unterscheidet sich jedoch darin, dass die Anzeichen auch nach dem dritten Lebensjahr des Kindes auftreten können.
  • Asperger-Syndrom: Bei Asperger-Autisten verläuft die Sprachentwicklung meist normal und auch das kognitive Verhalten ist nicht beeinträchtigt. Dagegen kann es zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen, da betroffene Menschen Gestik und Mimik nicht richtig deuten können. Menschen mit Asperger-Syndrom entwickeln oft ein sehr ausgeprägtes Spezialinteresse und ihr Verhalten kann zwanghaft sein. Zudem besitzen sie in manchen Fällen eine sehr hohe Intelligenz.

Als Überbegriff aller Ausprägungen wird oft die Bezeichnung „Autismus-Spektrum-Störungen“ verwendet. Alle drei Formen weisen dieselben drei Kernbeeinträchtigungen auf. Diese sind:

  • Beeinträchtigungen bei der sozialen Interaktion  
  • Beeinträchtigungen bei der Kommunikation
  • Auffällige Fixierungen auf spezielle Interessen
Was ist Autismus?

Bildquelle: www.istockphoto.com / belchonock

Autisten haben meist große Schwierigkeiten damit, die Emotionen ihrer Mitmenschen richtig zu deuten, da sie oft weder Gestik noch Mimik wahrnehmen und verstehen und sich außerdem nicht in andere hineinversetzen können. Dies führt dazu, dass sie sich in sozialen Situationen oft unpassend verhalten und unangemessen auf die Gefühle anderer reagieren. Dazu kommt häufig ein eingeschränktes Sprachverständnis, eine geringe Ausprägung der Gestik und fehlende Flexibilität in der Sprachmelodie, was einen wechselseitigen Gesprächsaustausch schwierig macht. Autistische Menschen sind meist sehr empfindlich auf sensorische Reize und nehmen Redewendungen wortwörtlich, da sie diese nicht begreifen können.


Die Stärken der Autisten 

All dies macht es für betroffene Personen natürlich schwer, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Doch viele Autisten haben Talente und Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind. Natürlich sind diese individuell und so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Dennoch gibt es einige Stärken, die viele Autisten in verschiedener Ausprägung vorweisen können. Dazu gehören beispielsweise:

  • eine ungewöhnliche Denkweise, die zu innovativen Lösungsansätzen führen kann.
  • das rationale Treffen von Entscheidungen.
  • eine hohe Intelligenz und räumliche Logik.
  • ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen.
  • Ehrlichkeit und Sensibilität.
  • eine hohe Motivation und Zuverlässigkeit.
  • eine gründliche und präzise Arbeitsweise.
  • ein sehr gutes Zahlenverständnis.
  • analytisches Denken.

Autisten in der Arbeitswelt

Trotz dieser beeindruckenden Qualitäten ist die Arbeitslosenquote unter autistischen Menschen hoch. Wie gut die Chancen für einen autistischen Menschen stehen, hängt natürlich auch von der Form des Autismus ab. Circa 40 bis 50 Prozent der Betroffenen gelten als schwer behindert und haben deshalb meist keine Möglichkeit, sich in das Berufsleben einzugliedern. Tatsächlich können laut Institut für Autismusforschung in Bremen nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent einen Beruf ergreifen, was jedoch nicht heißt, dass auch sie nicht doch an ihren sozialen Beschränkungen scheitern. Es wird geschätzt, dass nur jeder dritte Mensch mit autistischer Veranlagung und normaler oder durchschnittlicher Intelligenz einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob hat. 

Dennoch haben Autisten heutzutage weitaus bessere Chancen auf einen guten Job, als früher. Dabei bietet sich vor allem der IT-Bereich an, da Betroffene oft eine hohe Affinität zu Computern und ein hohes technisches Verständnis haben. Doch natürlich ist jeder Mensch mit autistischer Störung individuell, weshalb sich die Berufswahl, wie bei jedem anderen Menschen auch, an den Interessen und Fähigkeiten der Person orientieren sollte. Besonders wichtig für Menschen mit Autismus ist die richtige Arbeitsumgebung. Da sie sich von Lärm und Trubel schnell überfordert fühlen, ist ein Großraumbüro kaum ein geeigneter Arbeitsplatz. Stattdessen benötigen sie eine ruhige Atmosphäre, in der sie ohne Druck in Ruhe arbeiten können. Auch ein fester Ansprechpartner, sowie Struktur, Ordnung und Wiederholung sind notwendige Kriterien. So bieten sich vor allem Berufe ohne Kundenkontakt wie beispielsweise Datenbankverwaltung oder Qualitätsmanagement an.


Fazit

Menschen mit autistischen Zügen haben oft Probleme in sozialen Situationen, weshalb es für sie schwierig ist, die passende Arbeit zu finden. Doch wenn die erforderlichen Rahmenbedingungen gegeben sind, können sie durchaus ihren Platz im ersten Arbeitsmarkt finden. Einige Autisten sind überdurchschnittlich intelligent und hoch qualifiziert. Zudem können ihre ungewöhnliche Denkweise und ihre motivierte und gründliche Arbeitsweise ein Unternehmen in vielen Belangen bereichern. Wenn die nicht-autistischen Kollegen zuvor entsprechend geschult werden, lassen sich Missverständnisse in der Kommunikation aus dem Weg räumen und ein harmonisches Miteinander schaffen. Wichtig ist, die individuellen Stärken und Schwächen eines Menschen zu erkennen und diese dann entsprechend einzusetzen und zu fördern. 

Quellen:
handelsblatt.com, autismus.de


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